Wolf Schneiders Webdiary
4.11.2004
Das Imperium
Der 2. November, ein schlechter Tag für die Menschheit
Ein schlechter Tag war das gestern. Bush wiedergewählt – und diesmal ganz legal. Dreieinhalb Millionen mehr haben für Bush gestimmt als für Kerry. Obwohl Kerry kaum besser ist als Bush, hoffte ich doch, dass nicht das schlimmste passiert: dass dieser bigotte Fundamentalist in seinem Amt bestätigt wird für vier weitere Jahre. Der Präventivkrieg der mächtigen USA gegen das kleine Zweistromland, der Al Kaida massiv gestärkt hat und nun in einen Bürgerkrieg gemündet ist, die Weigerung der USA das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen und den internatinalen Gerichtshof anzuerkennen, das Regieren der Welt mit militärischer Macht und gezielt eingesetzen Lügen, all das hat die Mehrheit der wählenden US-Amerikaner mit dieser Wahl abgesegnet.
Das reichste Land der Erde mit dem besten Zugang zu Informationen hat so gewählt. Kann man da noch sagen »Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«? Dieses Wahlergebnis schädigt die ganze Welt und natürlich auch die USA, obwohl es von deren Patrioten vermeintlich zum Wohl ihrer Nation und der Festigung von deren Herrschaft getroffen wurde.
Ein Prozent der Menschheit hat sich für Bush entschieden. Alle hundert Prozent müssen ihn ertragen und sich dabei auch noch sagen lassen, das sei Demokratie.
Krieg, Lügen, Wachstum ...
Ein schlechter Tag, dieser 3. November. Missmutig höre ich mir die Radionachrichten an. Abends stelle ich sogar, ganz gegen meine Gewohntheit, den Fernseher an. Überall wird das Ergebnis bestätigt: Bush wiedergewählt, und diesmal anscheinend ohne Betrug. Die Amerikaner wollen ihn. Und dann die deutschen Politiker, wie sie ihm zu gratulieren beabsichtigen und auf gute Beziehungen zu den USA setzen ... widerlich. Angela Merkel: die guten transatlantischen Beziehungen und das Wachstum, das Wachstum, das ist ihr am wichtigsten. Sie hatte schon damals den Irak-Krieg unterstützt, als Bush sich in das Abenteuer stürzte, und jetzt, nachdem all die Lügen aufgedeckt sind, unterstützt sie ihn weiter und setzt weiter auf Wachstum als Allheilmittel. Wachstum .... ich kann es nicht fassen.
Ein schlechter Tag für die Menschheit. Ich bin sauer und traurig, ich will es nicht glauben, dass so viele Menschen sich verführen lassen und für ihr eigenes Unheil stimmen, immer wieder. Sie haben auch Hitler gewählt und viele andere Idioten, muss ich zugestehen, die Massen sind in Deutschland und Europa nicht klüger als drüben im Cowboyland. Wir Europäer brauchen uns nichts darauf einzubilden, dass wir Bush nicht gewählt hätten.
Europas Demokratie
Die Europäische Kultur und ihre Demokratie: Im antiken Athen durften nur die Männer wählen, die Bürger der Stadt. Frauen und Sklaven (von denen es viele gab) durften nicht wählen (sie galten nicht einmal als "homo", als Mensch) und natürlich durfte auch keiner aus den von Athen unterjochten Völkern wählen. Das ist die Athener Demokratie, auf die sich das Abendland so gerne beruft. Oder das römische Reich, in dem nur die Bürger Roms, und unter ihnen die männlichen und nicht versklavten, was zu sagen hatten. So ähnlich ist es auch heute noch: Ein Prozent der Menschheit hat den Welttyrannen gewählt und unter ihnen (laut Wahlstatistik) vor allem die reichen, weißen Männer. Nicht viel anders als damals.
"moral values"
Und dass 79 Prozent von denen, die "moral values" als das Wichtigste an ihrem Präsidenten ansehen, Bush gewählt haben, was für ein bizarrer Witz! Gerade die Skrupellosesten, Eigennützigsten sind es, die sich auf "moral values" berufen. Wer will da noch etwas mit Moral zu tun haben, wenn gerade diejenigen, die sie auf ihre Fahnen schreiben, in so krasser Weise viel mehr Schaden anrichten als andere.
Auch die Demokratien der
europäischen Antike waren
Oligarchien auf der Basis von
militärischer Macht
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