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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

17.11.2004

Esoterik und Religion

Was ist 'echt religiös' und was 'bloß esoterisch'?

Immer mal wieder wundere ich mich, wenn Leute die Nase rümpfen über Esoterik, andererseits aber den Kult der Religionen hinnehmen als etwas Selbstverständliches oder jedenfalls als ein freundlich zu akzeptierender Teil unserer Kultur.
Das Esoterische und das Religiöse sind von den Inhalten und den Formen her jedoch nicht zu unterscheiden. Die Religionen sind bloß esoterische Kulte, die es irgendwo irgendwann mal geschafft haben, an die Macht zu kommen und dort lange genug zu bleiben, um zum Kulturgut zu werden. So dass sie heute als moralisch-ethische Instanzen ernst genommen werden (die Kirchen) oder wenigstens als hübsche Folklore (die Schamanen).

Alle Religionen sind esoterisch
In ihren Formen und Inhalten jedoch sind esoterische und religiöse Kulte nicht zu unterscheiden. Das Abendmahl ist zweifellos ein esoterischer Kult, und er gilt als Kernritual des Christentums, so sehr, dass die Ökumene von Protestanten und Katholiken (jedenfalls in Deutschland) immer wieder daran scheitert, wie verschieden die beiden diesen Kult ausführen oder wie unterschiedlich sie ihn interpretieren. Dabei vergesse ich den Unterschied immer wieder, so sehr ich mich doch für Religion interessiere; ich kann ihn mir einfach nicht merken. Für die einen ist das Fleisch und Blut Christi im Brot und Wein des Kultes irgendwie viel realer als für die anderen. Na und? Wenn mir jemand bei einer Grippe einen Salbeitee kocht oder beim Niesen »Gesundheit« zuruft, empfinde ich das auch manchmal als sehr real glückbringend – und manchmal nicht. Und dass der Wein des Abendmahls echtes Blut sei, das glauben doch weder Protestanten noch Katholiken.
Ein bisschen weniger esoterisch ist der Islam, der immerhin keine Gottesbilder zulässt. Oder der Buddhismus, der in der reinen Form überhaupt keine Götter kennt, sondern nur mehr oder minder große Weisheit von Menschen. Im islamischen oder buddhistischen Mainstream, in der dortigen religiösen Alltagspraxis, lassen sich jedoch genauso viele esoterische Praktiken finden wie im Christentum. Die Hadsch im Islam mit dem Umrunden der Kaaba – sehr esoterisch. Die vielen dahin gemurmelten guten Wünsche und eigennützigen Gebete im Buddhismus – sehr esoterisch.

Die Macht ist das Kriterium
Soweit die Kultformen, aber kaum anders ist es in der Ideenwelt. Jesus sei am Kreuz gestorben, dann wiederauferstanden, heißt es. Dann gen Himmel gefahren. Seine Mutter eine Jungfrau, vom Heiligen Geist geschwängert. Und so weiter ... alles ziemlich esoterische Ideen. Nicht weniger esoterisch ist das (eher mehr) als die Prinzipien von »Wie oben, so unten«, »Der Mensch ist Gott wesensgleich« oder das Gesetz der Wiederkehr (Karma und Reinkarnation) oder der Primat des Geistigen gegenüber dem Materiellen. Alles nicht wissenschaftlich beweisbar, sondern eben Prinzipien, philosophische Überzeugungen, meinetwegen auch religiöse oder esoterische. Der einzige Unterschied, den ich zwischen Religion und Esoterik immer wieder feststelle, ist: Die einen haben es irgendwo geschafft, an die Macht zu kommen und sich lange genug dort zu halten, um von einer ausreichenden Anzahl von Kulturgeschichtsschreibern ernst genommen zu werden. Dann gelten sie nicht mehr als esoterischer Kult oder dubiose Sekte, sondern als Religion.
Übrigens zählt bei der Verleihung des Adelstitels Religion auch nicht die Anzahl der Anhänger, sondern wirklich die Macht (und sei es die des Geschichtschreibers): Die mächtigen Dschainas in Indien gelten als Religion; die viel zahlreicheren, in Korea wurzelnden Moonies als esoterische Sekte. Und auch das Alter ist nicht entscheidend: Die Hermetiker und Gnostiker sind uralte esoterische Richtungen, aber nirgendwo waren sie lange genug an der Macht, um als Religion zu gelten.

Unaufgeklärte Aufklärer
Wieso lassen sich die Aufklärer, die vermeintlichen Erben des europäischen »Enlightenment« nur so leicht foppen? Oder ist es Opportunismus? Um die christlichen Kirchen kommt man eben einfach nicht herum; sie sind politisch zu mächtig. Über Sekten und Psychokulte darf man schimpfen, das sind Randgruppen. Über die großen Sekten und Psychokulte an der Macht aber schimpft man besser nicht, denn sie bestimmen noch immer unsere Universitäten und Medien (und dort insbesondere die öffentlich-rechtlichen). Sie schleichen sich in unsere Verfassungen ein und reden bei der Gesetzgebung mit. Die Kirchen kann man nicht umgehen. Besser man beschimpft sie nicht, sondern arrangiert sich mit ihnen.

Die Rechte hat das Religiöse gepachtet
Allmählich dämmert der politisch Linken, dass sie ohne spirituelle Bezüge die Herzen der Menschen an die politische Rechte verliert. So hat George Bush in den USA gewonnen: mit »moral values«! Töten und Lügen und schamlos die Reichen immer weiter bereichern, mit sowas kommt man durch und gilt auch noch als moralisch, wenn man nur so tun kann, als habe man religiöse Wurzeln – und der Gegner so dumm ist, die religiöse Dimension des Menschen zu ignorieren oder jedenfalls die Beschäftigung mit dieser Dimension als für zu primitiv zu erachten für aufgeklärte, gebildete Menschen.

Religion als Schauspiel
Dass Religion eben doch ziemlich wichtig ist, merken viele der Linksliberalen, vermeintlich Aufgeklärten erst seit dem »clash of civilisations« zwischen Christentum und Islam. Seit dem Showdown zwischen Fundamentalisten wie Osama bin Laden und George Bush dämmert es immer mehr Menschen, dass man die Macht des relgiöse Fundamentalismus nicht unterschätzen sollte – und sei es, dass die beiden sich dort gegenüber stehenden Fanatiker vielleicht nur Schauspieler auf einer Bühne sind, hinter denen andere, Nüchternere, weniger Passionierte die Strippen ziehen.

Form und Essenz
Der eigentliche Gegensatz besteht zwischen denen, die an Formen glauben und denen, die um die Essenz wissen. Zwischen den Massen der Verführten einerseits und den Mystikern, Befreiten, Erwachten, wirklich »Aufgeklärten« andererseits. Wovon die Massen jeweils gerade verführt sind, ist dann auch schon beinahe egal. Ob von Religion oder Esoterik oder politischer Ideologie oder ganz einfach von den Massenmedien, deren gläubige Anhängerschaft heute die verbreitetste Art des Wahnsinn darstellt, darauf kommt es dann auch nicht mehr an.

Für die Verleihung des
Adelstitels »Religion« zählt
vor allem die Macht

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