Wolf Schneiders Webdiary
26.11.2004
Morgenmeditation
Heute sitze ich zur Morgenmeditaton mal im Büro. Es ist völlig still, kein Telefon schrillt, außer Birgit bin ich noch der einzige hier.
»Tu was, anstatt hier rumzusitzen«
Das Büro ist das Cockpit, von dem aus ich den Verlag steuere. Hier bin ich nicht privat, sondern geschäftlich, hier muss ich was tun. Gedanken, was ich tun könnte, kommen und nisten sich in meinem Bauch ein. Ich spüre den Druck und lege mir eine Handlungskette zurecht, was ich erstens, zweitens, drittens tun muss. Dann kommt der Gedanke: Tu das schnell, anstatt hier rumzusitzen! Ich nehme Notiz von ihm und lasse ihn gehen.
Es ist derselbe Raum
Draußen hängt noch Nebel über den Feldern, Terrasse und Büsche sind von Rauhreif bedeckt. Still zu sein, wie herrlich! Ich lasse den letzten Schluck Tee aus meiner Tasse auf der Zunge zergehen, er ist schon kühl. Die Arbeit wartet, ich warte mit ihr. Ich warte und ruhe still in dem, was getan werden muss.
Wer hat mir diese Minuten geschenkt, in denen ich das Leben so nah kosten darf? In der Stille kann ich den Lauf der Welt hören, ihr innerstes Getriebe. Oder ist es nur das leise Surren meines noch schlummernden iMacs? Draußen sitzt die Katze und sieht den Vögeln zu. Draußen oder drinnen, es ist derselbe Raum.
Drin sein und draußen
Wahr ist, was bleibt. Bleibt diese Stille, während ich arbeite? Beim Zuhören kann ich den Sprechenden spüren, beim Lesen den Willen des Autoren erraten und sehe dessen Gestalt im Kontrast zum (leeren) Hintergrund. Kann ich das auch beim Reden und Schreiben? Mails schreiben, Telefonate führen, dabei sein. Drin sein und draußen.
Ich räkle mich nocheinmal gründlich, dann lege ich los.
Wer hat mir diese Minuten
geschenkt, in denen alles noch ruht
und ich warte
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