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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

2.1.2005

Wer bin ich, Schreibender?

Beheimatet im Organismus der Sprache

Wenn ich etwas sage oder schreibe, wer sagt das dann? Anders gefragt: Texte, die ich schreibe, inwiefern sind das meine Texte? Ich habe doch die Sprache nicht erfunden, und fast oder ganz ausnahmslos verwende ich nur Worte, die nicht auf meinem Mist gewachsen sind, sondern ich habe sie irgendwo aufgeschnappt und gebe sie nun weiter.

Deutsch als Organismus
Kürzlich fiel mir mal wieder auf, wie entsetzlich dumm dieser maßlose Wahrheitsanspruch ist, den Menschen wie ich an sprachliche Aussagen richten. Lüge und Wahrheit sollen unterschieden werden, das ist klar, das hat eine ethische und juristische Bedeutung. Auch faktische Sätze wie etwa: »Bangla Desh wurde am 26. Dezember 2004 von der Tsunami verschont« können wahr oder falsch sein, und ob sie das sind, spielt »im richtigen Leben« eine Rolle.
Über diese ethische, juristische und faktische Bedeutung hinaus aber sind sprachliche Äußerungen aus meinem Mund oder meinen Händen Äußerungen eines viel größeren Organismus als dieser Körper (oder Geist) des hier schreibenden Wolf Schneider. Es sind Äußerungen der deutschen Sprache, die es seit ein paar hundert (mit ihren Vorläufern ein paar tausend) Jahren gibt. Sie quellen jetzt hier gerade aus diesem einen Menschen, aber in Varianten mit geringen Unterschieden auch noch aus vielen anderen, und das schon seit ziemlich langer Zeit. Und dieser Organismus der deutschen Sprache versucht nicht in erster Linie, die Welt abzubilden, wie sie durch die Augen ihrer vielen einzelnen Sprecher gesehen wird, sondern er genügt erst mal vor allem sich selbst. Ein deutscher Satz ist eben so wie ein deutscher Satz zu sein hat oder wie er historisch geworden ist, sein faktenwiedergebender Wert ist dabei nur eine mehr oder weniger nützliche Nebensache.

Teil eines Ganzen sein
So gesehen bin ich als Sprechender eigentlich gar kein Individuum, sondern vielmehr Teil eines Individuums (oder Organismus), eben der deutschen Sprache. Ich bin eine Zelle in einem Organ (das könnte mein Dialekt sein, mein Jargon oder die Sprechweise meiner Generation), das wiederum Teil eines Organismus ist. Ohne mich kann dieser Organimus gut weiterleben, aber ich als Sprechender oder Schreibender existiere nicht ohne ihn.
Das dämpft nun einerseits meinen Größenwahn als Künstler und Sprachschöpfer: Ich als winziger Teil eines so riesigen Ganzen kann nun doch nicht so viel ausrichten, wie ich mir manchmal erträume. Andererseits entspannt mich das: Für die Schwächen dieser rätselhaften, vieldeutigen und missverständlichen Sprache bin ich nicht so sehr verantwortlich, wie ich in meinem Schuldbewusstsein manchmal denke, auch dann nicht, wenn sie aus meinem Mund quillt. Und schließlich gibt mir das auch Geborgenheit: Ich bin Teil eines Ganzen, in dem auch Andreas Gryphius, Goethe und Kurt Tucholsky leben oder gelebt haben. Das ist doch eine Art Heimat.

Sprachen sind sterblich
Kann so ein Organismus sterben? Ja klar: Sprachen sterben aus. Zur Zeit sterben viele Sprachen aus. Die biologische Artenvielfalt auf der Erde geht zurück, ebenso die kulturelle und als Teil davon eben auch die sprachliche. Von Jahr zu Jahr sinkt die Anzahl der lebenden (d.h. noch gesprochenen) Sprachen. Große Sprachen assimilieren kleine. Junge Leute wollen lieber Englisch oder eine der Regionalsprachen (Hindi, Spanisch, Deutsch) erlernen oder sich darin verbessern als die Sprache ihrer Großeltern (Rätoromanisch, Baskisch, die Hopi-Sprache) zu gebrauchen. So sterben Sprachen aus. Es kann gut sein, dass in ein oder zwei hundert Jahren auch Deutsch ein solches, vom Aussterben bedrohtes Kulturgut ist, für das Akademien und Denkmalschutzämter sich einsetzen müssen, damit es nicht vergeht.
Ich kenne Menschen, die vor nur zwanzig oder dreißig Jahren in die USA gezogen sind und deren Deutsch brüchig geworden ist. Es macht ihnen Mühe, sich an alle die Worte und Wendungen ihrer Muttersprache zu erinnern, und sie sprechen Deutsch nun mit einem einem amerikanischen Akzent. So schnell kann es gehen.

Identitätsprobleme
Wenn ich einer von 26 Buchstaben bin, zum Beispiel das T, dann bin ich anders als die übrigen 25, aber gleich mit allen anderen Ts der Welt. Dann habe ich ein Identitätsproblem: Wie soll ich mich von den anderen Ts unterscheiden? Das wird mich in eine Krise stürzen, vielleicht fange ich nun an, besonder laut zu sein oder versuche größer zu werden oder t-er als andere, wie man es in der Pubertät halt so macht.
Bin ich stattdessen ein Wort unter 20.000 anderen möglichen deutschen Worten, zum Beispiel »stolz«, dann habe ich zwar weniger Konkurrenten als ich noch als T hatte, vielleicht um den Faktor eine Million, aber immer noch gibt es so viele Vorkommen von »stolz« in der Welt, wahrscheinlich immer noch Millionen davon, mit denen ich verwechselt werden kann. Bin ich schließlich ein ganzer Satz wie etwa: »Ich bin so stolz darauf, demütig zu sein«, auch dann bin ich noch nicht einzigartig. Wahrscheinlich haben Hunderte, vielleicht Tausende vor mir diesen Satz geäußert. Wenn Google es schafft, die Inhalte aller Bibliotheken der Welt ins Internet zu stellen und ich dann nach diesem Satz suchen kann, oh, ich möchte es gar nicht versuchen, ich ahne die Enttäuschung schon! Selbst wenn die Maschine dann sagt: Ich habe den Satz nur 17 Mal gefunden, auch dann habe ich verloren. Auch Sätze lösen mein Identitätsproblem noch nicht.

Wie originell bin ich?
Können das Absätze? Artikel? Der Text eines ganzen Buchs? Mein »Werk«, das ich der Nachwelt hinterlasse? Da kommen wir der Sache schon näher. Aber nur quantitativ. Ist es denn wirklich nur die Länge der Buchstaben-(oder Tastaturzeichen-)Folge, die meine Einzigartigkeit als sprachliches oder geistiges Wesen ausmacht? Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass noch ein zweites Wesen solch eine Folge von Zeichen produziert, sagen wir mal eins zu zehn hoch minus 999 wäre, würde mich das noch nicht beruhigen. Ich fühle mich immer noch ein bisschen wie das T, das zwar weiß »Ich bin kein F«, und auch mit dem S, das mir beim Aufstellen in Reih und Glied doch so nahe steht, bin ich nicht zu verwechseln, aber, ach, all die anderen Ts ... Und selbst wenn es nur DIE MÖGLICHKEIT eines Klons gäbe, wäre mir das schon eine Bedrohung.
Neulich stand in der SZ, in Amerika habe sich eine Frau ihre verstorbene Katze klonen lassen von einer dafür ausgerüsteten Biotech-Firma. Nicky hieß diese geklonte Katze, oder so ähnlich, und ihr Muttchen war entzückt: Meine neue Nicky ist ganz wie die alte, nur jünger!
Was wäre, wenn ein Klon genauso aussähe wie ich oder genau dieselben Buchstabenfolgen produzierte? Schrecklich? Vielleicht. Jedenfalls verwirrend.

Wahr, gut und schön
Und was ist mit der Wahrheit? Wenn ich nur eine Zelle bin im großen Organismus der Sprache und der einzelne Satz, den ich als solche Zelle produziere, viel mehr der deutschen Sprache zu verdanken hat und viel mehr deren Charakterzüge trägt als meine, wo bleibt dann meine Verantwortung für die Wahrheit, Angemessenheit oder Schönheit dieses einen Satzes?
Mein Aktionsradius ist kleiner, als ich manchmal dachte. Wahrheit kann ich nicht produzieren, jedenfalls nicht mit Sätzen. Auch wenn ich nun meine, dass es den Unterschied zwischen einer wahren und einer gelogenen Aussage oder zwischen faktischer Richtigkeit und Falschheit durchaus noch gibt – nur eben in kleinerem Rahmen. Eine richtige Aussage braucht nur ein bisschen richtiger zu sein als ihr Gegenteil, das genügt. Wirklich wahr kann Sprache nie sein.
Kann sie wirklich schön sein? Das ist wohl Geschmackssache. Einen Biotop zu sehen, wie er sich in Jahrtausenden eingespielt hat, vom Menschen unverändert gelassen, oder ein »natürliches«, von keiner Kultur verbogenes Wesen, das entzückt mich wie kaum ein sprachliches, musikalisches oder Bildkunstwerk es kann.
Natur ist schön. Kunst – auch Kunst kann schön sein. Meist kann ich in Kunst aber erst dann die Vollendung sehen, wenn ich ihre Künstlichkeit durchschaut habe und verstehe: Auch das ist natürlich! Auch Kunst zu gestalten, auch das ist natürlich.

Ich dachte, ich sei es,
der da spricht.
Dabei ist es die Sprache

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