Wolf Schneiders Webdiary
7.1.2005
In Gemeinschaft sein
Soziale Kompetenz gibt es auch innen
Dies ist nun das 15. Jahr, dass ich in dieser kleinen Gemeinschaft lebe, im Connectionhaus Niedertaufkirchen. Bin ich ein Gemeinschaftsmensch? Manche sehen den in mir. Aber wie so vieles, sieht das von innen her ein bisschen anders aus als von außen.
Die Connectionhausgemeinschaft
Mein Bedürfnis nach Alleinsein und nach in Gemeinschaft sein ist nicht viel anders als bei anderen. Ich lebe das nur ein bisschen anders als die meisten Menschen, die ich hierzulande sehe. Sie leben allein, als Paar oder in einer Kleinfamilie. Ich lebe seit fast vierzehn Jahren in einem Haus mit sieben bis 18 anderen Menschen. Die ersten fünf Jahre hatten wir hier eine gemeinsame Küche und waren so um die 14-15 Leute, immer auch mit Kindern. Seit 1996 sind wir hier im Haus in drei WGs aufgeteilt, die letzten Jahre nur noch in zwei WGs, mit drei Küchen, zusammen ungefähr sieben bis acht Leute. Ich möchte nicht, dass es mehr als acht werden.
Maximal acht
Bei mehr als acht braucht man mehr Struktur und Hierarchie als mir lieb ist. Oder aber die Gruppendynamik, das sich miteinander Arrangieren nimmt sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch - für meine Bedürfnisse zu viel. Das mag in einer therapeutischen Gemeinschaft gut sein, es mag ein optimales Wachstumsfeld sein, man lernt viel - aber man produziert weniger. Wie gesagt: Es sei denn, die Gemeinschaft hat eine feste, hierarchische Führungsstruktur, die nicht ernsthaft infrage gestellt wird, so wie in Firmen oder Klöstern oder Ashrams üblich und früher in den Großfamilien.
Der Kommunikationsaufwand
Besucher unseres Hauses denken oft, ich bräuchte dieses Gemeinschaftsleben, so sei ich eben, vom Typ her. Das stimmt nicht. Ich brauche es nicht und mag es nicht einmal besonders. Meist bin ich hier vom Kommunikationsaufwand her sehr beansprucht. Ich kann es aushalten so viel zu kommunizieren, aber dieses Ausmaß an auf mich ausgerichteter Kommunikation würde ich mir nicht aussuchen, wenn ich denn könnte. Kann ich? Als Unternehmer nicht. Für diese Gemeinschaft hier bin ich eben auch als Unternehmer verantwortlich. Wenn unser soziales Zusammenleben nicht gut ist, merke ich das an der wirtschaftlichen Bilanz dieses Verlages und bin gezwungen zu handeln.
Ich mag unsere Feste, ich mag auch den Kontakt mit Menschen, ich lerne gern mal neue Leute kennen, aber das Ausmaß an täglicher Kommunikation sollte für meine Bedürfnisse ein ein bisschen weniger sein.
Allein und mit anderen
Ich merke allerdings auch, was es mir gebracht hat, es so lange in dieser Gemeinschaft (und anderen) ausgehalten zu haben: Ich kann inmitten turbulenter Situationen entspannen. Ich habe viele, viele Menschen kennengelernt, auch aus der Nähe, im Alltag, in intimen Situationen. Ich mag Menschen und bin doch auch ernüchtert und entromantisiert, was das Zusammenleben anbelangt. Ich kann es allein nicht nur aushalten, sondern auch glücklich sein (in einer intentionalen Gemeinschaft lernt man das besser als anderswo!), ebenso in einer Paarbeziehung (sei sie nun exklusiv oder nicht) und auch in einer Gruppe.
Sieben Varianten ausprobiert
In sieben »intentionalen« Gemeinschaften habe ich jeweils mindestens drei Monate gelebt, in Thailand, Deutschland, Holland, Italien und den USA. Drei davon in Deutschland, zwei davon habe ich selbst gegründet – eine davon existiert noch, in der lebe ich jetzt.
Was ist das eigentlich, eine »intentionale Gemeinschaft«? Der Begriff kommt aus dem Angelsächsischen: intentional community. Das ist eine Gemeinschaft, in die man nicht hineingeboren wird oder aus sozialen, politischen, ökonomischen oder gar juristischen Gründen hineingezwungen wird, wie etwa die Herkunftsfamilie, die Firma, in der man arbeitet, ein Arbeitslager oder eine Haftanstalt. Sondern eine Gemeinschaft, der man freiwillig beigetreten ist, in der man wohnt, vielleicht auch arbeitet, und die größer ist als eine Kleinfamilie (Mutter, Vater, Kind/er).
In all den sieben eben aufgezählten Gemeinschaften habe ich auch gearbeitet - mit Ausnahme des buddhistischen Klosters in Bangkok, wo ich (als Mönch) Nahrung und Unterkunft erhielt, aber über die Reinhaltung und Pflege meiner paar persönlichen Sachen und meiner Unterkunft hinaus nicht arbeitete.
Die Gemeinschaft, in der ich jetzt lebe, ist die erste, für die ich auch als Unternehmer (und allein) verantwortlich bin. Sie existiert schon so lange – vierzehn Jahre ist relativ viel für eine »intentionale Gemeinschaft« – weil ich diese Verantwortung übernommen habe.
Gemeinschaften für den Frieden
Irgendwann mal schrieb ich: Wenn unsere Politiker in solchen Gemeinschaften leben würden, wenn sie wenigstens einen Teil ihres Lebens in einer solchen Gemeinschaft verbringen würden (so wie die meisten jungen Männer in Thailand wenigstens für ein paar Monate ins Kloster gehen – wobei ich die Thai-Klöster keineswegs in jeder Hinsicht für vorbildlich halte), dann gäbe es weniger Kriege in der Welt. Das meine ich auch heute noch. In solchen intentionalen Gemeinschaften lernt man das Zusammenleben wie sonst kaum irgendwo. Man lernt, mit anderen Menschen friedlich auszukommen und dabei eigene Bedürfnisse mit denen anderer zu vereinbaren. Die meisten Ideologien und Lebensphilosophien – seien es nun religiöse oder politische – fordern das zwar, aber wer lebt das schon, täglich, in der Praxis? Kleinfamilien haben diese tägliche Praxis, aber die Mutter-, Vater- und Kinderrollen sind dort schon recht fest vorgegeben, per Geburt und meist auch per von außen aufgenötigter Arbeitsaufteilung. Und diese Familien sind in der Regel nur drei- bis fünfköpfig, also noch recht klein.
Innen und außen – keiner ist allein
Was ich im Lauf dieser Jahre, die ich in internationalen Gemeinschaften lebe, gelernt habe, ist vor allem das: Der Mensch ist eine Gemeinschaft, auch wenn er allein lebt. Auch das Single-Dasein befreit einen davon nicht. Innen sind wir ein Chor von Stimmen und ein Arrangement, manchmal Chaoshaufen von Persönlichkeitsanteilen. Außen, da ist das Haus, in dem man lebt, das Dorf oder die Stadt, der Freundeskreis, die Sprachgemeinschaft und diverse andere, wie etwa die Branche, in der man arbeitet oder die Generation, in die man hineingeboren wurde. Alles Gemeinschaften, und die meisten davon identitätsstiftend. Man könnte sogar sagen: Einer Gemeinschaft gehöre ich erst dann wirklich an, wenn sie einen Teil meiner Identität ausmacht. Bin ich ein Deutscher? Sicherlich bin ich das. Ohne dieses Land und diese Sprache wäre ich nicht der, der ich bin.
Die innere und die äußere Gemeinschaft
Wie manage ich meine innere Gemeinschaft? Das ist das Geheimnis der persönlichen Integrität und Integration. Wie manage ich den Umgang mit meinen äußeren Gemeinschaften, meinen sozialen Umgang? Das ist das Geheimnis der sozialen Kompetenz. Beides hängt miteinander zusammen.
Wer allein sein können will, muss im Umgang mit seiner inneren Gemeinschaft klar kommen. Dafür sind die stillen Meditationen gut, die Sesshins und Retreats. Diese Kompetenz lässt sich aber auch in der Außenwelt erwerben, im sozialen Umgang, und dafür sind intentionale Gemeinschaften die idealen Lernfelder, denn hier sind die Gestaltungfreiheiten größer als anderswo, was die Selbstverantwortung betont, und das wiederum fördert die persönliche Reifung mehr als alles andere.
Warum gibt es trotz dieser Vorteile nur so wenige intentionale Gemeinschaften? Ein Grund ist: Es braucht Mut, sich in ein Feld mit so vielen Herausforderungen zu begeben, die imstande sind, persönliche Fähigkeiten gnadenlos zu testen. Gewiss, auch hier kann man das erhaltene Feedback verdrängen, aber weniger leicht als anderswo. Und es gibt eben doch nicht so viele Mutige, die sich dem stellen wollen. Es gibt ja auch nicht sehr viele, die außerhalb der großen Religionen und Modeerscheinungen sich auf den Weg der Selbsterkenntnis begeben, den spirituellen Weg.
Unfreiwillig arm
Ein anderer Grund ist: Intentionale Gemeinschaften sind oft wirtschaftlich arm, weil bei dieser Art zu leben so viel Aufmerksamkeit und Zeit dem sozialen Lernen gewidmet wird, der internen Kommunikation, der Pflege der Beziehungen und dem Erfinden und Erhalten von Regeln für den sozialen Umgang. Da man in diesen Gemeinschaften in der Regel viel mehr lernt als auf den üblichen Schulen, sollten sie eigentlich ebenso gefördert werden, sei es staatlich oder privat. Werden sie aber nicht, denn sie sind keine Mainstreamstruktur, sondern gehören einer avantgardischen Randkultur an, die vom Mainstream vielfach als fremd empfunden und als freakig bezeichnet wird – was ihren manchmal tatsächlich etwas bizarren Charakter noch zu verstärken geeignet ist, und vor allem ihre Armut.
Intentionale Gemeinschaften überleben deshalb in der Regel nicht lange; meist nicht lange genug, dass Kinder dort aufwachsen könnten. Streits um Macht oder Geld oder die Gemeinschaftsideologie oder wirtschaftliche Armut sind typische Gründe für das Verenden, manchmal auch Ermüdung gegenüber den Schwierigkeiten, die man als Randgruppe hat; man will mal wieder als »normal« gelten oder es sogar sein, sucht Anerkennung in der Normalgesellschaft und ein höheres finanzielles Einkommen.
Lebensabschnittgemeinschaften
Vielleicht wäre das Ideale, nur einen Teil der Biografie in einer solchen Gemeinschaft zu verbringen. Welchen denn? Zu uns kommen hauptsächlich Menschen in Umbruchsituationen. »Midlifekrisler« nenne ich sie manchmal, wobei die Mitte des Lebens ziemlich weit reicht, vom bewussten Erreichen des Erwachsenenalter (»Ich stehe jetzt mitten im Leben, nicht mehr am Anfang«) bis zu der Zeit, in der man sich nur noch einen ruhigen Abschied wünscht. Die auslösenden Krisen sind berufliche oder gesundheitliche Krisen, das Ende von Beziehungen, manchmal auch Phasen einer bewussten und erwünschten spirituellen Neuorientierung, wobei diese aber fast immer durch eine Krise ausgelöst wird.
Kinder
Damit Kinder in solchen Gemeinschaften gut aufwachsen können, ist es gut, wenn sie wenigstens zehn oder zwanzig Jahre Bestand haben. Ich kenne zwar auch Kinder, die mit Umgebungswechseln gut umgehen konnten, wenn die Mutter- oder Elternbeziehung gut war. Meist aber wollen sie ihren Freundeskreis behalten und dieselben Bezugspersonen immer wieder sehen.
Dass es in einer Gemeinschaft für die Kinder mehr als nur ein oder zwei wichtige Bezugspersonen gibt ist für ihre Entwicklung jedenfalls ein Vorteil, sie haben so mehrere mögliche Vorbilder, sie sehen mehr Varianten des Erwachsenseins, weibliche wie männliche.
Wann ist es genug?
»In Gemeinschaft sein« ist also nicht eine Sache von: Single-Appartment aufgeben und in eine Landkommune ziehen, das wäre zu kurz gedacht. Auch ein Single in der Großstadt kann mit sich im Reinen sein, das heißt, seine innere Gemeinschaft, die Gemeinschaft seiner Seelenanteile lebt in Frieden. Und der Landkommunarde kann mit sich und seinen WG-Nachbarn in Streit liegen.
Dennoch, der Wert der intentionalen Gemeinschaft als Lernfeld, vor allem für soziale Kompetenz, sollte nicht unterschätzt werden. Ich wäre ein anderer, wenn ich das nicht gehabt hätte. Auch wenn es mir heute manchmal scheint: Jetzt ist es aber genug!
Es gibt nicht so viele Mutige,
die sich dem stellen wollen
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