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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

27.1.2005

»Die Sekte«

Pioniere auf einem bayerischen Dorf und ihr Imageproblem

Vor ein paar Tagen las ich in der Süddeutschen vom Amsterdamer Fußballclub Ajax. Der hat das Image, ein »Judenclub« zu sein, schreibt die SZ. Viele Ajax-Anhänger begrüßen ihren Club mit der israelischen Fahne und dem Davidstern. Von Seiten der Gegner waren antisemitische Sprechchöre zu hören wie »Hamas, Hamas, Juden ins Gas«, obwohl der Club keine jüdische Organisation ist und es auch nie war, und er ist auch nicht und war nie von Juden dominiert. Das jüdische Image haben ihm Einzelpersonen gegeben, die dort spielten oder, wie etwa Jaap van Prag, den Verein leiteten (von 1964 bis 1978). Jaap war als Jude während der Nazibesetzung Hollands über einem Fotoladen versteckt den Deportationen in die Vernichtungslager entkommen.
Nun will der heutige Vorsitzende John Jaake wieder Juden ins Stadion bringen, und dazu muss der Club das Image loswerden, ein Judenclub zu sein: »Es muss das Paradox vom Tisch«, sagt er, »dass wir als Judenclub gelten, es Juden aber schwerfällt, unsere Spiele zu besuchen.«.

Ein »Akt parodistischer Mimikry«
Der Ruf, dass Ajax ein Judenclub sei, kam erst seit den 60er Jahren auf, als andere Vereine ihn gelegentlich als solchen beschimpften. »In einem Akt parodistischer Mimikry, die an die Adaption des einst beleidigend gemeinten Begriffs 'schwul' durch Homosexuelle erinnert«, schreibt die SZ, »wendeten die Fans von Ajax solche Beschimpfungen um in eine jüdische Identität. Seitdem feiern sie sich als Juden ohne welche zu sein.« Ähnlich etwa den Anhängern des Londoner Fußballclubs Tottemham Hotspur, die sich »Yids« nennen.

Die Spionin des Dorfs
Als ich vor vierzehn Jahren mit meinem Verlag von München aufs Land zog in ein kleines, oberbayerisches Dorf, ging ich sehr umsichtig vor. Ich wusste, wie es ist, in Deutschland auf dem Land ein Projekt aufzuziehen, das sich ganz anders »positioniert« als die umgebende Dorfbevölkerung. Zweimal schon hatte ich das erlebt und wusste, dass ich auf der Hut sein musste. Folglich erkundigte ich mich nach dem Pfarrer und besuchte den Wirt und den Bürgermeister. Alle schienen mir tolerant zu sein, sogar großzügig, besonders der Wirt, der für die Meinungsbildung am Ort wohl wichtigste Multiplikator.
Wir unternahmen aber noch eine zusätzliche »Sicherheitsmaßnahme«: Anstatt unser Haus selbst zu putzen, suchten wir 14 Erwachsenen (mit bald vier Kindern) uns eine Putzfrau aus einer weit verzweigten, angesehenen Familie. Es war anzunehmen, das die neugierigen Dörfler sie ausfragen würden, wie es denn so bei uns zugehe. Die engagierte Putze bekam Zugang zu allen unseren Räumen, fast jeden Tag war sie da und konnte als Spionin des Dorfs fungieren. Das war uns nur recht, denn sie war eine integre und offenherzige Frau, und wir setzten darauf, dass sie ungeschminkt über uns berichtete: wie wir es schafften, fast ohne Streit zusammenzuleben, wie wir uns die Kinderbetreuung teilten, gemeinsam kochten und aßen und ab und zu meditieren. Und es gab nichts Anstößiges zu berichten - nichts was den Fantasien der Dörfler über eine Landkommune entsprach, in der 14 unverheiratete Erwachsene auf engem Raum miteinander lebten. Stattdessen ernteten wir Bewunderung für unseren friedlichen und gesundheitsorientierten Lebensstil.

Spiel nicht mit den Judenkindern!
Die Zeitschrift, die wir hier machten und noch machen, schrieb über Heilkunst und religiöse Wege, darunter – in Zusammenarbeit mit Religionswissenschaftlern von REMID – auch einmal über Scientology. Das war die Zeit, als jeder, der an einer Volkshochschule einen Kurs geben oder einen Vortrag halten wollte, unterschreiben musste, nichts mit Scientology zu tun zu haben. Scientology war die Pfui-Sekte der Nation. Wer auch nur jemanden kannte, der jemanden kannte, der den Namen des Teufels in den Mund nahm, war schon verdächtig.
So erging es Sabine (Name geändert), einer Mutter von zwei Kindern aus einem nahegelegenen Dorf, die gelegentlich bei uns Seminargäste bekochte. Irgendwer in ihrem Ort hatte mitbekommen, dass sie ab und zu hier kochte und meinte daraufhin, das ganz Dorf. in dem sie lebte, vor ihr warnen zu müssen. Ein anonymes Flugblatt wurde in alle Briefkästen des Ortes geworfen, um die Bewohner vor dem Kontakt mit dieser gefährlichen Frau zu warnen. Darauf weigerten sich sogar Mütter in der Nachbarschaft, ihre Kinder mit Sabines Kindern spielen zu lassen.
Dabei war unser Artikel über Scientology ein kritischer, distanzierter. Der Autor hatte mit Scientology nichts näher am Hut, noch weniger der bearbeitende Redakteur und auch der Herausgeber und Verleger nicht. Nur, weil in dem Haus, in dem der Verlag ansässig war, auch Seminare stattfanden (die wiederum nichts mit Scientology zu tun hatten, auch nicht im entferntesten) wurde die Köchin verdächtigt. Und deren Kinder, die sicherlich nicht einmal den Namen der verdächtigten weltanschaulichen Gruppe richtig aussprechen konnten, geschweige denn wussten worum es sich dabei handelte. Die aber bekamen die Gewalt der Diffamierung zu spüren, die Angst »andere« zu sein, Auszugrenzende, Aussätzige.
Aus der Ferne sieht so ein Szenario lächerlich aus. Für die Betroffenen aber hat es etwas Gruseliges. Es kann Menschen sozial isolieren, in die Depression treiben, vielleicht sogar in ein kriminelles Mileu – dann hätte man immerhin gute Gründe, die Verdächtigungen zu rechtfertigen.

Zu sensibel für die Ausgrenzung?
Im Fall von Sabine war ich nur marginal betroffen und konnte über diesen Wahnsinn lachen, auch wenn das Lachen mir dabei manchmal im Gesicht zu einem Grinsen erstarrte. Ich habe selbst Verdächtigungen erlebt, am meisten wohl, als ich in orangen Klamotten als Jünger des in den Medien verspotteten »Sex-Guru« von Poona herum lief – immerhin neun Jahre lang. Einige berufliche Wege waren mir deshalb versperrt, Mietverträge wurden abgelehnt, auch als selbständiger Dienstleister hatte man damals nur beschränkt Chancen auf Kundschaft, wenn man Sannyasin war. Von daher weiß ich, was es heißt, einer diffamierten Minderheit anzugehören.
Das schlimmste waren für mich, wohl für alle von uns, anfangs die schrägen Blicke. Später, als wir uns an diese Blicke gewöhnt hatten, war es mehr die wirtschaftliche Benachteiligung. Aber so ganz kann man sich auch an die scheelen Blicke wohl nie gewöhnen, vor allem dann nicht, wenn man es sich zum Lebensstil gemacht hat, sich zu sensibilisieren und sich eben gerade KEIN dickes Fell zuzulegen.

Vergleich mit »den Juden«?
Der Vergleich mit »den Juden«, schon das ist ein Schubladen- und Schachteldenken, denn ethnisch-rassisch waren die damals vernichtete Bevölkerungsgruppe von »den Deutschen« kaum verschieden. Die deutschen Juden waren vor allem Deutsche. Der Vergleich mit den Juden ist außerdem wegen der Monstrosität des Holocaust eine brisante Sache. Man verwendet ihn allzu gerne, um einer Gruppe von Opfern (oder sich selbst) mehr Aufmerksamkeit zu geben. Die Juden, der Holocaust (»die Shoa«), Auschwitz und Dachau und so weiter, es gibt kaum dramatischere »Kraftwörter«, so sehr sitzt dieses Unheil in unserem Gedächtnis und weckt Schuldgefühle.
Dennoch: Im Sinne eines »Wehret den Anfängen« darf und sollte immer wieder auf Praktiken hingewiesen werden, die denen der Diffamierung, Ausgrenzung und schließlich Vernichtung der damals als »jüdisch« klassifizierten Bevölkerung ähneln. Die Erinnerung an den Holocaust lastet auf Deutschland, und in dieser Belastung und Gewissensqual liegt eine Chance: Wir Deutschen mögen dadurch imstande sein, gründlicher als andere Völker und Länder einer Wiederholung solcher Gräuel vorzubeugen.

Damals pfui, heut hui
Perverse Ironie der Geschichte: Was einst eine diffamierte Minderheit war, kann eines Tages chic sein: Jude, Sinti, schwul oder lesbisch zu sein ... das hat doch was! Und die Alternativen, die Freaks von damals: Heute scheint sich der Mainstream (im typischen Fall mit falschen Vorstellungen) gelegentlich nach genau dem zu sehnen, wie wir »Alternativen« damals lebten. Meist allerdings mit der Vorgabe: Wasch mich, aber mach mich nicht nass! Lass mich »anders« sein, aber doch bitte nicht so, dass ich tatsächlich dabei riskiere ausgegrenzt zu werden.
Heute wird der Monte Verita im Tessin gefeiert, weil Hermann Hesse dort lebte, der berühmte, wortgewaltige Dichter, der Autor des Siddhartha und des Glasperlenspiels, der weltweit meist gelesene deutsche Autor. Damals aber waren das Bohemiens und Hippies, Aussteiger, vor denen man die Jugend warnte, nicht »Kultur« und schon gar nicht »Hochkultur«.

Overkill der Minderheitsdefinitionen
Ich weiß, wie es ist, ausgestoßen zu sein, deshalb habe ich für alle Ausgestoßenen Verständnis, seien es nun religiöse, sexuelle oder ethnische Minderheiten. Ja, auch die sexuellen Minderheiten, die Schwulen und Lesben. Die wissen, was ein »Outing« bedeutet, und die wissen, was es heißt, anders zu sein als die Mehrheit, und das in einem Tabu-Bereich, dem Sexuellen.
Mir erscheint das Religiöse heute allerdings eine noch größere Tabu-Zone zu sein als die Sexualität. Dementsprechend sind auch die Minderheiten ungewöhnlicher religiöser Orientierung bei uns heute stärker diffamiert und ausgegrenzt als (inzwischen) die Homosexuellen.
Lassen wir hierzu doch mal einen schwarzen, schwulen Zeugen Jehovas zu Wort kommen, einen blinden Linkshänder, an den Rollstuhl gebunden, HIV-positiv ... vielleicht bringt der Overkill der Minderheitsdefinitionen unseren braven, politisch korrekten Verstand mal so zum Austicken, dass dieser ganze Wahnsinn gegenseitiger Einordnung und Ausgrenzung sich Luft macht in einem lauten Gelächter ;-)

Ich weiß, wie es ist
ausgestoßen zu sein

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