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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

9.2.2005

Massenmärkte

Wo die Waren sexy sind und die Menschen abgestumpft

Den Staubsauger, den ich für unser Seminarhaus brauche, habe ich beim Mediamarkt gekauft, ebenso zwei kleine Heizlüfter, die ich brauche, weil es zur Zeit so kalt ist, dass unsere Zentralheizung es nicht schafft, alle Räume zu wärmen. Habe nun einen geilen Staubsauger von Miele, der geht bestimmt nicht so schnell kaputt wie seine Vorgänger, und auch die Heizlüfter scheinen ganz okay zu sein. Wenn nur nicht überall diese schreienden Aufschriften und Schilder wären, darunter »Schluss mit der Preis-Verarsche« (oder so ähnlich; der Slogan »Ich bin doch nicht blöd« ist aber auch kaum besser), die dröhnen mich zu. Und dabei komme ich mir genau das vor: blöd und verarscht.
Nun brauche ich nur noch Tee, Cashewnüsse und Knäckebrot. Neben dem Mediamarkt ist gleich das große Einkaufszentrum »Globus«, dort werde ich bestimmt alle drei Sachen bekommen.

Kaufen, was ich nicht brauche
Einen Parkplatz finden. Einkaufswagen? Lieber nicht, ich komme mir auch so schon ziemlich industrialisiert vor. Große gläserne Schiebetüren öffnen sich in das vielleicht ein, zwei hundert Meter lange Gebäude. Die Gänge, die Auslagen, das Café, alles ist auf Masse angelegt. Grad eben noch draußen auf dem verschneiten, bayerischen Land, bin ich nun in der Neuen Welt angekommen.
Das Knäckebrot finde ich leicht, schon nach ein paar Fragen und ein paar Gängen stehe ich vor einem Regal mit vielleicht 20 Sorten. Nehme was ich brauche und, da ich schon mal hier bin, noch zwei weitere zum Ausprobieren. Dann die Cashewnüsse. Ich frage das Personal nach den Nüssen, die erste weiß es nicht, die zweite gibt mir eine falsche Auskunft, dann wandere ich selbst durch die Gänge. Erst suche ich intuitiv, dann systematisch Gang für Gang ab. Fünf oder zehn Minuten später habe ich das Nussregal gefunden, aber Cashews gibt es dort nicht. Pech gehabt.

Abgestumpft
Inzwischen schwirrt mir der Kopf. Überall Waren, alles schön, aufwändig und marktschreierisch verpackt. Eine Auswahl, die keiner überblicken geschweige denn testen kann, die aber um Aufmerksamkeit buhlt. Die meisten der Waren kenne und brauche ich nicht, aber sie lenken mich ab von dem, was ich will. Über die Lautsprecher füllt eine Frauenstimme den Raum und biedert sich und die Waren mit dümmlicher, extrem langsamer Stimme an, so als könne sie kaum lesen. Wie kann man nur so eine Stimme auf die Kunden loslassen! Und das Personal, das hier arbeiten muss, den ganzen Tag mit dieser Stimme, ich glaube, ich würde durchdrehen oder völlig abstumpfen. Die meisten Menschen hier um mich sind anscheinend schon abgestumpft, die Kunden ebenso wie die Mitarbeiter, Amoklaufen sehe ich hier keinen. Die zwei Frauen, die ich nach den Nüssen fragte, glotzten mir dann noch minutenlang hinterher, als würde man sowas hier nicht tun oder sei ein Alien. Wenn hier irgendwo ein Spiegel gewesen wäre, hätte ich daraufhin mein Aussehen überprüft. Sprechen die Menschen denn hier nicht miteinander? Nur die Waren sprechen, nein sie schreien, »Kauf mich!« schreien sie. Es sind tausende, die da schreien, und dieses Getöse überstimmt alles andere.

Tee verkauft sich hier nicht
Dank meines Einkaufszettels weiß ich, dass ich noch Tee wollte. Den Darjeeling Marke Teekanne wollte ich. Als ich schließlich das Teeregal gefunden hatte (es war umgezogen, die Verkäufter wussten aber nicht, wohin), stellte ich fest, dass es den nicht mehr gab und auch nicht mehr die vielen Sorten von Twinings. Nur den Darjeeling von Meßmer gab es noch in der Packung, und dann eine ganze Menge von Teebeutel-Sorten. Insgesamt war des Sortiment an Tees wohl auf ein Drittel geschrumpft. Es verkauft sich wohl nicht so, meinte einer der Verkäufer, den ich fragte, ein vertrauenswürdig aussehender, graumelierter Herr so um die Fünfzig. Das vermutet er. Was sollte es auch sonst für einen Grund geben? Was soll er dazu auch sagen? Er hat hier nicht viel zu sagen. Es ist ein sehr großer Betrieb.

Das Personal blickt nicht durch
Dann noch schnell zu den Zeitschriften. Dort schau ich fast immer nach, weil ich wissen will, was die anderen für Titelblätter machen und auch, was für Zeitschriften dort überhaupt ausliegen. »connection Spirit« war nicht da. Oder habe ich das Heft nur nicht gefunden? Alles lag sehr durcheinander, die Regale waren falsch beschriftet und die Titel passten nicht zueinander. Schließlich fand ich »natur&heilen«, »Visionen« und »Geist&Gehirn«, an ganz verschiedenen Stellen, aber immer noch keine »connection Spirit«, obwohl wir sicherlich eine größere Verteilung haben als diese drei uns verwandten Titel. Warum gibt es »connection Spirit« hier nicht? Wahrscheinlich ein Fehler des örtlichen Grossisten, oder aber das Personal dieses riesigen Betriebes blickt wirklich nicht durch und hat unser Heft vielleicht zu den Sport-, Sex- oder Rätselmagazinen platziert.

Traurige Blumen
Inzwischen ist etwa eine halbe Stunde vergangen, und ich bin erschöpfter als nach ein paar Stunden konzentrierter Arbeit. Dabei habe ich gerade mal ein bisschen Knäckebrot und eine Packung Tee gekauft. An dem Blumenladen außerhalb der großen Kassen (gut, dass sie immerhin diesen Laden außerhalb stellen) wollte ich eigentlich noch eine Rose oder ein paar Narzissen kaufen, aber als ich die Blumen ansehe, gefällt mir keine. Sie sehen alle so traurig aus. Spinn ich? Habe ich mich von diesem riesigen Laden so kriegen lassen, dass ich nun nicht einmal die Schönheit dieser Blumen mehr erkenne? Ich zweifle an meiner Wahrnehmung und entscheide mich dann: Erstmal raus hier! Lieber in einem anderen Laden ein bisschen mehr für eine Rose bezahlen als hier eine kaufen, die traurig aussieht.

Wo ist die Aufmerksamkeit hin?
Ja, es stimmt: Ich will »connection Spirit« für den Massenmarkt machen. Aber nicht so wie hier für die Massen gemarktet wird. Nicht diese »Verarsche«. Die Menschen hier sind unglücklich, das Personal ebenso wie die Kunden. Sie sind außer sich – die Waren haben bereits alle verfügbare Aufmerksamkeit an sich gerissen, es ist nichts mehr da für die Menschen.

Die Menschen sind außer sich.
Die Waren haben
alle Aufmerksamkeit
an sich gerissen.

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