Wolf Schneiders Webdiary
16.2.2005
Coach yourself
Kartons wie Babies, Lachen und Apathie
Bei unserem Lagerumzug dieser Tage fielen mir noch ein paar Sachen auf. Nicht nur der Genuss der körperlichen Arbeit und das Heimatgefühl (»Let's get physical«, vom 5. 1.), sondern auch, wie wir als Team dabei zusammen arbeiteten. Und dass in Managementseminaren genau das erprobt und getestet wird: Wie verhält sich einer in einer neuen Situation, bei Herausforderungen, sich selbst, dem Unternehmensziel und dem Team gegenüber?
Gelegenheiten ohne Ende
Unsere Leute waren sehr unterschiedlich dabei, körperlich und geistig. Ich staunte. Wer körperlich kräftig und gesund war, packte nicht unbedingt mehr an oder schneller. Geistige Größen waren keineswegs aufmerksamer bei der Sache, eher im Gegenteil. Man packt sich ja nicht nur einfach einen Karton, sondern es kommt darauf an, wie man das macht, oder ob man zwei nimmt und in welchem Tempo. Und ob man dabei auf den anderen achtet. Und beim Beladen des Fahrzeugs, wie man es macht, dass die Stapel nicht umfallen, das Fahrzeug nicht überladen ist, die einzelnen Titel beieinander bleiben. Oder wenn es um die Jobverteilung geht, wer wo steht, wer die Kette beginnt, wer be- und wer entlädt, wer die Päckchen zählt, wer die anderen anfeuert oder sich eher mitschleppen lässt. Gelegenheiten ohne Ende, sich zu zeigen, und das so viel deutlicher als an einem normalen Bürotag zwischen PC und Telefon.
Wer will, der lernt
Da fielen mir die vielen Team-Trainings- oder Führungstrainings-Angebote wieder ein, die ich so über die Jahre immer wieder bekommen habe. Einige davon haben wir uns (und ich mir) immer mal wieder angetan. Das meiste davon ist teuer und – genau besehen – nicht zu empfehlen. Besser, man hilft sich selbst und zwar dort, wo man ist, vor Ort. Dort das Richtige zu tun, darauf kommt es an, und die meisten wissen eh selbst, was das ist. Intelligenz im Alltag, common sense.
Was wir hier im Büro am meisten brauchen für unsere tägliche Arbeit, das sind nicht Fachkenntnisse, sondern normale menschliche Fähigkeiten: kommunizieren, lernen, sich einsetzen, zuverlässig sein, zuhören, ordnen, sich aufs Wesentliche konzentrieren. Wer das kann, der kann auch Fachkenntnisse erwerben und wird das meistens auch tun. Fast ohne Zutun von außen. Es lernen immer die, die das auch wollen, nicht die, denen man es aufträgt. Zu lernen hängt vor allem von der Bereitschaft ab, lernen zu wollen. Der Rest geht fast von selbst.
Kommunikation
Spannend war bei dem Lagerumzug nicht nur die Bewegung, sondern natürlich auch die Kommunikation. Als die Frage aus dem Keller über die Menschenkette zum Auto hochlief, wieviel Platz dort noch ist, fiel mir das Kommunikationssystem von Tschingis Khan wieder ein, mit dem er sein eurasisches Reich zusammenhielt, die berittenen Boten, die Poststationen. Heute haben wir Telefon und Internet, und doch sind immer noch die Menschen das Entscheidende, wie schnell, wie wach, wie aufmerksam sie sind. Was wird weiter gesagt, was nicht? Wer stellt überhaupt die Frage, wie weit das Auto schon beladen ist? Wer übernimmt Führung, wer folgt?
Wie entkomme ich mir selbst?
Erkenne dich selbst, sagte Sokrates. Sei dir selbst ein Licht, das waren die letzten Worte des Buddha. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, sagen die Leute im Westen. Coach yourself, sage ich, denn die Paradoxie des sich helfen Lassens, die kann auch der beste Coach von außen nicht überwinden: Wir lassen uns nur von denen helfen, von denen wir uns helfen lassen wollen und hören nur das, was wir aufnehmen wollen und können. Wir wählen als Berater die, deren Rat wir gut finden, und sei es, dass wir es gut finden, eine ganz andere Meinung gesagt zu bekommen, getadelt zu werden oder Widerspruch zu hören. Wir bleiben immer wir selbst, sogar in der Entfremdung von uns selbst, die auch wieder unsere typisch eigene ist.
Wie entkomme ich mir selbst? Es geht nicht. Wie finde ich mich? Ich bin doch schon da. Alles ist schon da.
So sind wir
Die Kartons werden weitergereicht, von einem zum anderen. Wer sich mit dem Tempo dabei begnügt und wer nicht, wer bei der Sache apathisch ist und in Gedanken und wer dabei lacht und flirtet – so sind wir.
Sie gibt mir den Karton, lacht dabei, strahlt, es ist als würde sie mir ihr Baby herüberreichen, und ich reiche es weiter. Es ist wie eine Umarmung. Immer wieder. Routine? Egal. Jedesmal ist es anders und jedesmal wunderschön.
Andere warten dabei auf das Mittagessen.
Einen hat es gereizt, das alles aufzuschreiben.
Wir brauchen für unser Team
kein Rafting-Seminar.
Uns genügt ein Lagerumzug
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