Wolf Schneiders Webdiary
18.2.2005
»Pfad der Erleuchtung«
15 kuvertierte Aufgussbeutel, für 95 Cent im Angebot
Freitagnachmittag, Zeit fürs Wochenende was einzukaufen. Die Sahne ist mir schon wieder ausgegangen, ich trinke den Tee so gerne mit frischer Sahne, und auch Katzenfutter brauche ich wieder, so eine 500 g Dose »Huhn« oder »Thunfisch« hat die Luzi binnen anderthalb Tagen weggeputzt.
Informiert sein
Erst beim Apotheker vorbei und fragen, ob er »connection Gesund leben« auslegen will. Nein, das will er nicht, er sei naturwissenschaftlich orientiert, das wäre gegen sein Image. Aber lesen, ja, er liest diese Sachen gerne, er muss sich doch informieren. Ich verkaufe sie ihm oder tausche sie bei ihm ein gegen das, was ich von ihm brauche: Heilerde, Vitamin C, Kondome. Beim Buchhändler vor Ort habe ich mit dem Auslegen mehr Glück: Er legt unsere Zeitschriften und Bücher aus, und ab und zu verkauft sich auch was. Im März will die Buchhandlung für uns sogar ein Schaufenster einrichten.
Einmal »Tor der Weisheit«
Dann zum Edeka, wo ich immer frischen Ingwer einkaufe und geschnittene Oliven und diesmal auch eine Avocado mitnehme, und schließlich zum Penny, wo ich die meisten Sachen finde, die ich heute brauche. Bei den Sonderangeboten gibt es den Ahornsirup für 2.59, das ist günstig; ich nehme den gerne zu den Pfannkuchen aus frisch gemahlenem Sechskornmehl, die ich in letzter Zeit wieder öfter mache. Dort stehen auch Kräuterteepackungen von Mayfair: »Pfad der Erleuchtung«, »Tor der Weisheit« und »Portal der Sinne«. Gute Ingredienzien verspricht die Packungsaufschrift, und das Ganze für nur 95 Cent, da nehme ich von »Tor der Weisheit« und »Portal der Sinne« gleich je eine Packung mit.
Nischenbegriffe für den Massenmarkt
Während ich die anderen Sachen einsammle (Katzenfutter, Rotwein, Chicoree, Kapern), hängen mir diese Produktnamen noch im Kopf rum. »Pfad der Erleuchtung«, heißt diese Teesorte wirklich so? »Portal der Sinne«, das ist ja ein geradezu tantrischer Begriff. Wie kommt eine Markenfirma wie Mayfair dazu, solche Nischenbegriffe für ein Produkt zu verwenden, das für den Massenmarkt gedacht ist? Wahrscheinlich ging die Strategie nicht auf, die Verkäufe waren zu gering, deshalb sind diese Sachen nun auf dem Sonderangebotstisch gelandet, beruhige ich mich wieder, doch die Gedanken lassen mich nicht los.
Wollte nur noch das: erleuchtet werden
Warum eigentlich habe ich mir die Packung »Pfad der Erleuchtung« nicht mitgenommen? Vor diesem für Normalos wohl schrägsten Begriff bin ich doch zurückgezuckt. Aber nicht weil er mir fremd wäre, im Gegenteil: So viel habe ich dem gewidmet! Genau besehen: mein Leben. Bin zu einem Zeitpunkt ins Kloster gegangen, als andere ihre Karriere bauten; habe mein Studium abgebrochen, jeglichen Besitz zurück gewiesen, geistigen ebenso wie materiellen, wollte nur noch das: erleuchtet werden. Und finde das nun hier auf dem Sonderangebotstisch auf der Teepackung: »Pfad der Erleuchtung«. 15 kuvertierte Aufgussbeutel à 2 g für 95 cent.
Soft und religiös ist nicht mehr peinlich
Ein Stern-Redakteur, der in seiner Redaktion letztes Jahr mit »Entschleunigung« mal ein Titelthema machen durfte und jetzt dort das Thema »Frühjahrsputz« vorbereitet, in dem er auch Seminarhäuser und Klöster empfehlen will (weshalb er mich anrief) versicherte mir, diese soften und religiösen Themen seien den heutigen Nachrichtenmagazin-Redakteuren nicht mehr peinlich. Das war mal, sagte er, heute sehen sie, dass das geht; anrüchig sei das nicht mehr. Nach den Alternativen Heilweisen hat sich beim Stern nun auch die Serie über die Weltreligionen exzellent verkauft, jetzt sei man offen für diese Themen. Sagte er jedenfalls.
Die Pose des Anti-Promi
In der Süddeutschen hatten sie neulich mal wieder den Enzensberger interviewt. Der hat es geschafft: seit Jahrzehnten im Rampenlicht, ein angesehener deutscher Intellektueller; seine Bücher verkaufen sich, sein Kursbuch ist »nicht mehr wegzudenken«. Hans »Magnus« Enzensberger hat das deutsche Geistesleben beeinflusst wie kaum ein anderer Autor. Er IST deutsche Kultur. Und was sagt er? Dass er nichts so sehr hasst, wie wenn der Mainstream zum Fenster hereinweht. Ausgerechnet er!
Mystik, igittigitt
Da versuche ich nun seit Jahren, ein paar tiefergehende Ideen – nenne sie von mir aus asiatisch, religiös, spirituell, mystisch, philosophisch oder sonstwie – in den deutschen Mainstream einzuspeisen und werde damit überall schräg angesehen. Nische, Sekte, Spinner. Zu abgehoben, nicht alltagstauglich, das Volk wolle Brot und Spiele. Und nun nennt Mayfair seine Tees »Pfad der Erleuchtung«, mit einer Art Tao-Logo drauf (nicht viel anders als auf unserer Zeitschrift), und »Die Kräfte Asiens« steht da, rundlaufend um das Tao-Symbol. Das meistverkaufte deutsche Nachrichtenmagazin landet mit »Alternativen Heilweisen« und »Die Weltreligionen« seine größten Verkaufshits, und Enzensberger möchte nicht zum Mainstream gehören. Was ist da los?
Weisheit »light«
Ich weiß, sie werden mich nicht nehmen als Experten zu diesen Themen, und auch die hundert oder fünf hundert anderen nicht, die – in der deutschen Öffentlichkeit stehend – dazu ebenfalls was zu sagen hätten. Sie wollen die Sachen »light« und weichgespült, als Aufschriften auf Tees und Sportartikeln, als Serien, in denen Professoren vor Scharlatanen warnen und ansonsten um den heißen Brei herumgeredet und -designed wird. Die echte Sache wird ein Nischenthema bleiben.
Ein bisschen ist besser als nichts
Und doch .... freue ich mich, wenn wenigstens ein dünner Aufguss der Essenz den Mainstream erreicht, das ist immer noch besser als gar nichts.
Ein bisschen mehr Resonanz für Frieden, Liebe, Weisheit, ein bisschen mehr Respekt vor der Natur, und es hätte den Irak-Krieg nicht gegeben, das Kyoto-Protokoll wäre unterschrieben worden, die USA hätten es nicht gewagt, das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag zu boykottieren, und man würde in der Diplomatie keinen so tiefen Kotau machen vor der Wirtschaftsmacht China.
»Die Kräfte Asiens«
auf dem Wühltisch
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