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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

19.2.2005

Wie hältst du's mit der Religion?

Eine Freundin von mir sucht über eine Partnerbörse im Internet einen Mann. Dazu muss sie sich selbst darstellen und sagen, was für einen Partner sie will. Für eine Gebühr von 160 € pro Halbjahr gleicht das Programm dieses Dienstleistungsunternehmen die Selbstdarstellungs- und Wunschpartnerprofile seiner Kunden ab und macht Vorschläge. Auf diese Weise hat sie schon 70 Männer präsentiert bekommen, erstmal nur per Text, noch ohne Bild.
Die meisten davon sortiert sie gleich aus, sagt sie, »die sinn nix«. Wonach gehst du denn da? Ja, wenn die unter Religion schonmal nichts eingeben, dann is das nix für mich.
Ich kenne sie und kann sie deshalb verstehen: Sie sucht einen Mann, der Verständnis hat auch für Spirituelles, mit dem sie sich geistig verbinden kann, nicht nur nach Körper, Beruf und der Größe des Hauses, Autos und Einkommens. Aber ob sie den eher unter denen findet, die unter Religion was eintragen, das bezweifle ich.

Religionszugehörigkeit? Nein danke
Noch vor ein paar Jahren habe ich Menschen, die diesen ganzen christlichen Unsinn glauben, wie er da in den Kirchen und im Religionsunterricht gelehrt wird, pauschal als uninteressant abgelehnt. Klar, es gibt Ausnahmen. Aber mich danach zu richten, was diese positiven Ausnahmen unter Religion verstehen, das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Meine Religiosität war nonkonform und anarchisch (und noch heute ist das beinahe so), von Kirchen und einer Hierarchie von Heiligen oder Gottesvermittlern wollte sie nichts wissen. Formulare, die mich nach meiner Religion fragten, fand ich lächerlich, und wenn ich dort was eintragen musste, dann trug ich »Atheist« ein oder »Agnostiker«, am liebsten aber gar nichts.
Buddhist? Von mir aus auch das, aber das ist ja keine Religion. Buddhismus hat mit diesem ganzen Jenseitsschmarrn nichts zu tun, der Buddhismus ist einfach eine intelligente Lebenshaltung, die voll die Selbstverantwortung übernimmt, für alles, auch für die eigenen Gedanken, Gefühle und Wünsche. Sei dir selbst ein Licht, basta. Beobachte was ist, das genügt.
Und nun kommt diese Frau daher, für die ich in mancher Hinsicht geradezu der ideale Partner wäre – jedenfalls, was meine sogenannte Spiritualität anbelangt – und lehnt die Männer ab, die unter Religion nichts eintragen. Ich versteh die Welt nicht mehr ...

Und doch ... es gibt nichts Größeres als »das«
Bin ich nun religiös oder nicht? Sicher, es gibt nichts Größeres für mich, keinen höheren Wunsch oder ein stärkeres Motiv, als das, was Jesus und Buddha und Meister Eckhart oder Lao Tsu wollten, suchten und fanden. Aber »religiös«? Ich weiß nicht. Ich mag diesen Begriff immer noch nicht. Er ist zu viel besudelt worden, zu viel missbraucht, von zu vielen Seelenfängern, Machtpolitikern und Heuchlern.

Schweigen ist genauso missverständlich
Schön, wenn man dabei bleiben könnte, alles abzulehnen, was nur irgendwie nach Transzendenz riecht und von Heuchlern missbraucht werden könnte. Aber das geht nicht. Wir müssen doch sprechen! Schweigen ist genauso missverständlich wie Reden. Dass Jesus vor Pontius Pilatus schwieg, hat Generationen von Philosophen und Feuilletonisten fasziniert, aber an anderer Stelle redete er und brachte sich grad damit erst in Gefahr, aus der er sich dann mit seinem Schweigen auch nicht mehr retten konnte. Und sein Schweigen, wer kann schon sagen (sagen!), dass er Jesu Schweigen verstand. Oder das von Buddha, als er Mahakashyapa die Blume überreichte.

Hätte Jesus heute ein Blog?
Es gibt kein Entkommen. Sie können dich ans Kreuz bringen, wenn du redest, aber auch, wenn du schweigst. Hätte Jesus heute ein Blog? Wer würde ihn entdecken? Wieviele Mystiker gibt es unter den Bloggern? Ich glaube, heute gibt es tausende von Mystikern, vielleicht Millionen, die meisten kennt man nicht. Sie machen nicht viel von sich reden, beschäftigen sich mit sich selbst oder haben nur eine kleine Anhängerschaft. Unter Künstlern und Musikern, Atheisten und Wissenschaftlern findet man ebenso viele Mystiker wie unter denen, die religiöse Funktionen inne haben, wie spirituelle Lehrer, Priester, Pfarrer, Imame, Mönche und Nonnen aller Arten oder Schamanen.

Sie meinen es doch gut
Sind die Mystiker unter Politikern und Wirtschaftsführern seltener? Manchmal meine ich das - dann, wenn ich wieder mal vor Wut brenne über das, was aus der Erde gemacht wird, mit ihren darauf lebenden Menschengesellschaften, die sich Kulturen und Zivilisationen nennen, mit ihren jeweiligen politischen und religiösen Systemen. Aber vielleicht tue ich den Politikern und Ökonomen damit unrecht. Als Teil eines Systems ist ihre Freiheit meist sehr begrenzt – und viele von ihnen meinen es gut, nicht schlechter jedenfalls als irgendein Prediger, Schriftsteller oder Maler.

Ich bin ein Flokati
Ich weiß immer noch nicht, was ich eintragen soll, wenn mich wieder mal jemand nach meiner Religion fragt. »Ich bin ein spiritueller Mensch«, das sage ich nur aus Bequemlichkeit, um nicht noch mehr reden zu müssen oder jemandem mit einer oberflächlichen Einordnung einen Gefallen zu tun.
Denn ich weiß: Ich bin genauso ein materieller Mensch wie ein spiritueller. Beides gehört zusammen. Ich bin Atheist, Pantheist und Agnostiker. Wenn ich das Hohelied Salomos lese oder die Bergpredigt aus dem Neuen Testament, dann bin ich ein Christ. Wenn ich das Tao Te King lese, bin ich Taoist. Wenn ich das Herzsutra lese, bin ich Buddhist. Eklektiker nennen dass die Gelehrten, ein Flokati aus vielen verschiedenen Weltanschauungen, aber auch das ist nicht richtig, es sei denn Jesus und Buddha mit ihren diversen esoterischen Versatzstücken, aus denen sie ihr Weltbild zusammenschusterten, waren auch welche.

Ach, lasst mich doch in Ruhe ...
Als ich mit meiner Freundin anbandelte, schenkte ich ihr mein Buch »Ohne dich wäre ich ein anderer«. Sie las es in einem Zug durch, verstand, freute sich und sagte (lachend): Man sollte sich immer sowas geben, bevor man eine Beziehung beginnt, dann weiß man woran man ist mit dem Partner.
In meinem Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« steht das Wesentliche drin über meine Haltung zur Religion. Also bitte: Lest das, wer mit mir anbandeln will. Und lasst mich ansonsten in Ruhe mit euren Begriffen.

Wieviele Mystiker gibt es
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