Startseite | Tagebuch | Forum | Kurse
Texte | Bücher | Vita | Impressum |
Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

25.2.2005

Schlichter Glaube

Über die universelle Heilkraft des Kitsches

Habe kürzlich wieder mal die QLB Atemmeditation von Jeru Kabbal gemacht, eine wunderbare, einfache Atem-Ekstase-Übung. Währenddessen kam mir folgende Erkenntnis: Kitsch und Religion hängen eng miteinander zusammen.
Sogar die Pose des Experten ganz allgemein hängt damit zusammen: Der Kern jedweder Beratung (seelsorgerisch oder sonstwie) ist eine Anmaßung. In die Pose dieser Anmaßung wird der Ratgebende hinein gesogen, und zwar zweifach: vom sich anbietenden Selbstverständnis her (in das sich der Ratgeber dann selbstgewiss einnistet) ebenso wie vom Bedürfnis des Beratung Suchenden (Ich weiß »es« nicht, aber du, bitte sag es mir!), dem der Ratgeber als Dienstleister ja dann zu entsprechen sucht.

Ideen mit hinüber nehmen
Noch in der Meditation erregt mich diese Erkenntnis, und ich versuche, ein paar der Gedanken zu behalten. Ich kenn das doch: Im halbschlafenden Träumen denke ich immer, diesen Traum hier brauche ich mir nun wirklich nicht zu merken, hier ist doch alles sonnenklar – Sekunden später bin ich ganz aufgewacht und weiß dann manchmal nicht mal mehr das Thema des Traums. So ähnlich habe ich es auch in Meditationen erlebt, als mir Gedanken kamen, die alle Nebel beiseite fegten, alles war klar: Sooo also hängt das zusammen! Nach der Meditation jedoch wusste ich grad noch, dass ich einen guten Gedanken hatte, die Überzeugtheit aber war weg, die Gründe, warum ich den Gedanken für gut hielt, und oft auch der Gedanke selbst.

Verdrängen, um zu überleben
Es ist wohl so, dass unser Normalzustand der des Verdrängens von Realität ist. So schrieb die Zeitschrift »Psychologie Heute« im vergangenen Jahr (sinngemäß): Oft ist es gesund, die Realität zu verdrängen, und zwar genau dann, wenn wir die Wahrheit nicht ertragen könnten. Das Ego ist ein so labiles Bündel von Einzel-Ichs, das ständig zusammengehalten werden muss. Jedes einzelne Encounter mit der Realität enthält die Möglichkeit, dass das Ego zerfällt, wir müssen uns also vor solchen Encounters schützen.
Oder wie das Motto des Blog »Der Kutter« (www.der-kutter.de) mit einem Schiff als Logo, Sinnbild der Wasserverdrängung, um an der Luft zu bleiben: »Verdrängung ist, was uns über Wasser hält.«

Romane als Heilmittel
Michael Korth nennt in seinem »Lexikon der verrückten Dichter und Denker« Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) mit ihren 80 Millionen verkauften Romanen die erfolgreichste deutsche Autorin der Geschichte. Das Elend ihrer Kindheit vor Augen, fantasiere sich diese nicht nur erfolgreichste, sondern wohl auch berühmteste aller deutschen Kitschautoren eine heile Gegenwelt zusammen, die sie so begründet: »Ein Roman soll doch erquicken und stark und frisch machen, aber nicht krank und nervös«.
Wenn man einen Roman als Heilmittel begreift, dann hat sie wohl recht. Wenn Religion vor allem Seelsorge ist und trösten soll, dann dürfen auch Seelsorger kitschig sein. Wenn sie mit ihrer Seelsorge Trost spenden und Wunden heilen wollen, dann müssen sie damit wohl sogar kitschig sein, das heißt: eine heile Welt vormachen, wo keine ist. Wenn Kitschautoren das zugestanden wird, dann müssten das auch Ärzte, Psychologen und Pfarrer dürfen: erquicken und stark machen, nicht krank und nervös, wie sie es mit ihrer Wahrheitsliebe und analytischen Genauigkeit doch so oft tun.

Schlichte Politik
Religion und Esoterik als Massenphänomene leben vom Kitsch, das heißt von übertriebenen Vereinfachungen, Sentimentalitäten, Herz, Schweiß und Tränen. Gilt das etwa für alle Massenphänomene, auch für die Politik? Die Suggestion und Verbreitung von Nationalstolz in Politikerreden etwa scheint mir der Schlichtheit der Heimatromane zu ähneln, der Ärzte- und Liebesromane. Auch die Reden von Hitler und Goebbels sind in diesem Sinne kitschig oder die Predigten von Billy Graham, dem »Maschinengewehr Gottes«, das 1985 auch den jungen George W. Bush bekehrte, der nun eine ziemlich schlichte Weltpolitik betreibt – die Brutalität dieser Politik im einzelnen tut ihrer kitschartigen Schlichtheit ja keinen Abbruch.
Auch die Stimme von Jeru Kabbal auf der QLB-CD ist am Ende kitschig, ebenso wie die Musik dort (am Ende, nicht am Anfang). Fernseh-Pfarrer Fliege und all die anderen Pfarrer, wie sie trösten, das ist Kitsch. Menschen erleiden Verlust, sie trauern, und die Religion tröstet sie über den Verlust hinweg, mit ihren Jenseitsgeschichten sogar über eine der größten unserer Schmerzquellen, die Endlichkeit unseres Lebens. In ihren Bildern von Himmel und Hölle schufen die Religionen tröstende Bilder einer Gerechtigkeit, die es auf Erden leider nicht gibt.

Kitsch als Erfolgsprinzip
Hedwig Courths-Mahler, Rosamunde Pilcher, Johannes Mario Simmel, Margaret Mitchell (Vom Winde verweht), Stephen King (seine Thriller), Ken Follet, Paulo Coelho (Der Alchimist), J.R.R. Tolkien (Der Herr der Ringe), Joanne K. Rowling (Harry Potter), sie erreichen ein Millionenpublikum. Wie machen sie das? Wie nah am Kitsch muss man gebaut sein, um solch eine Publikumsresonanz zu erreichen?
Rainer Langhans, dieser raffinierte Intellektuelle und Veteran der 68er Bewegung weiß um die Schlichtheit der Grundsätze der Massenpsychologie (ich habe mit ihm des öfteren darüber gesprochen) und versucht, so gut er kann, sie für seine Zwecke einzusetzen – etwa in dem, wie er seinen »Harem« propagiert. Real ist das, wie er mit »seinen Frauen« dort in München lebt, gewiss kein Harem, aber die propagierte Idee des Harem erfüllt bestimmte Massenbedürfnisse, und das verschafft ihm eine entsprechend hohe Aufmerksamkeit.

Esoterik ist peinlich
Warum lehnen die deutschen Germanisten und Feuilletonisten Esoterik ab? Sogar Hermann Hesse wird belächelt als für den gebildeten Bürger nicht so ganz, äh ... angesagt. Man schämt sich seiner ein bisschen und gibt nicht gerne zu, dass man den »Siddharta« gelesen hat oder »Narziss und Goldmund«. Paulo Coelho wird anscheinend in dieselbe Tüte gesteckt (ich habe ihn aber noch nicht gelesen und auch nicht viel über ihn). Liegt die Ablehnung der Esoterik vielleicht daran, dass sie in so vielen ihrer Ausprägungen so kitschig ist?
Die Bibel, der Koran, die Bhagavad-Gita sind jedoch mindestens so esoterisch wie Paulo Coelhos »Der Alchimist« oder die kitschverdächtigen »Prophezeiungen von Celestine«. Sind diese »Heiligen Schriften« weniger kitschig? Die Lutherbibel wirkt für uns wohl vor allem deshalb nicht kitschig, weil sie in den meisten Haushalten der Deutschen über Jahrhunderte das einzige Buch war und deshalb die deutsche Sprache fundamental geprägt hat, beinahe so sehr, dass ein Deutsch, das nicht irgendwie dem Deutsch der Lutherbibel ähnelt, sich für uns nicht wie richtiges, tiefgründiges, echtes Deutsch anfühlt. Esoterisch ist diese Bibel allemal, außerdem voller Gurus, Hokuspokus, Sex und Gewalt, wie die Weltliteratur eben auch sonst. Die Weisheit darin muss man schon suchen – wie auch sonst in der Literatur.

Eine Ekstase, so nahe am echten Glück
Als ich heute morgen die QLB-Meditation machte und wieder in diese Atemakstase geriet, die ich so gerne mag, die so nahe am echten Glück ist wie nur was, dachte ich: Ja, das ist es! Oder vielmehr: Ach, dieser Zustand gibt mir so sehr das Gefühl »Das ist es!«. Aus diesem Gefühl heraus möchte ich Menschen belehren und ihnen sagen, wie sie glücklich werden können. Bis dann diese Ekstase wieder vorbei ist und damit auch mein Gefühl, die Menschen so belehren zu wollen.

»Lehre mich!«
Wenn jemand auf mich zukommt und sagt: »Du bist ein Meister! Lehre mich!« und ich mich von dieser Verehrung erheben lasse wie wenn mir Liebe zuströmt (so eine Verehrung ist ja eine Art von Liebe), dann kann ich lehren. Egal, was ich wirklich weiß – wenn mir solche Verehrung zuströmt, kann ich lehren. Wer mal im Satsang auf dem Stuhl saß, von dem aus sonst gelehrt wird, kann das nachvollziehen. Die Kanzel in der Kirche ist wohl so ein ähnlich funktionierender »geomantischer Kraftplatz«: Der Platz hat das Charisma, nicht die Person, die ihn benutzt! So bieten die Erwartungen der religiös oder politisch Suchenden ihren Predigern und Verführern einen Platz an, von dem aus diese dann lehren können, getragen von der Liebe und Verehrung ihrer Fans.

Die vernommene Wahrheit
Heutzutage glaubt man nicht mehr so gerne, in aufgeklärten Kreisen jedenfalls nicht. Der diskreditierte Glaube hat sich allerdings nur verschoben. Man glaubt zum Beispiel ans Geld oder an »die Wissenschaft«. Oder, dass etwas, das »so heißt« (Tisch, Gott, Energie) auch »so ist«. Oder dass Immobilien oder Gold »Sicherheiten« sind. Solcher Glaube hält unser Wirtschaftssystem aufrecht, ohne ihn würde es zusammenbrechen.
Wie konnten im Mittelalter die Europäer nur an diese grausame Kirche mit ihrer Heiligen Inquisition glauben, die die Hexen und Ketzer verdammte und auf Scheiterhaufen verbrannte? Nur, weil alle daran glaubten, konnte das System bestehen. Man glaubte, dass die Sonne sich um die Erde dreht, und dass die katholische Kirche über Gut und Böse, Himmel und Hölle Bescheid weiß, deshalb konnte dieses System existieren. Ausreichend viele – eine »kritische Masse« – von Gläubigen machte diesen Glauben zur allgemein vernommenen Wahrheit. Was sich die Päpste im Mittelalter an Verfehlungen leisteten hätte nicht skandalöser sein können, aber nicht einmal das brachte das System zu Fall, denn ausreichend viele glaubten daran. So wie heute an unser Geld- und Wirtschaftssystem.

Vorausgesetzt: ausreichende Hybris
Oder an die Experten (siehe mein Blog-Eintrag vom 13. 2. 04). In Zeiten des Internet und der Infoflut haben wir zwar preisgünstig und reichlich Zugang zu authentischen, gehaltvollen Informationen wie nie zuvor in der Geschichte, aber ebenso Zugang zu noch viel mehr Infomüll: Halbwahrheiten und Ganzfalschheiten, Lügen und Vermutungen, Spekulationen und bloß gut oder schlecht Gemeintes. Umso verführerischer die Pose des Experten, des Beraters, und dazu passend, ihm entsprechend, die Pose des bereitwillig Rat Annehmenden. Ich rate (!) allen Orientierung Suchenden (und sind wir nicht alle ein bisschen ...) mal so eine Atem-Ekstase-Übung zu machen. Die QLB ist wunderbar dafür geeignet, aber ebenso einige andere yogische Techniken, die den Atem verstärken und einem damit dieses Gefühl von Kraft und Fülle geben: Ha, ich bin gesund! Ich kann es, ich weiß es, ich habe mein Leben voll im Griff!
Kurioserweise hat Gesundheit sehr viel mit dieser Hybris zu tun. Und auch andere Eigenschaften setzen ein gewisses Maß davon voraus. Wohlgefühl, Selbstbewusstsein, Sicherheit, all das erreicht man nur mit einem Minimum an sich selbst überschätzender Verdrängung – oder eben, in der hohen Entwicklungsstufe – mit Weisheit.

Sind wir nicht alle ein bisschen ...

+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1109354498