Wolf Schneiders Webdiary
28.2.2005
Schriftsteller
Autor zu sein heißt gar nichts
»Du bist ja Schriftsteller« sagte der Bauer, bei dem ich unsere Bücher lagere, voller Hochachtung und strahlte mich an. »Ich habe die Bücher gesehen, da steht >Wolf Schneider< drauf, das bist doch Du?!«
Ja, das bin ich. Aber ich bin kein Schriftsteller. Ich arbeite den ganzen Tag in meinem eigenen Verlag. Der gibt eine Zeitschrift heraus, für die ich gelegentlich was schreibe, aber vor allem mache ich Verwaltungsarbeiten und die Geschäftsführung. Schreiben, das geht nur nach Feierabend. Das ist so eine Art Hobby.
Experte unter Analphabeten
»Schriftsteller« oder »Autor« sagt man heute, »Dichter« sagte man früher. Damals war das vielleicht noch ein Beruf. Mir fallen dazu die Schreiber ein, die ich 1970 in Marokko im Bazar am Straßenrand sitzen sah. Für die Mehrheit der Bevölkerung, die damals noch nicht lesen und schreiben konnte, schrieben sie gegen ein kleines Entgelt Briefe und Dokumente aller Art. Das waren keine Dichter, sondern Schreiber, aber aus einer Mehrheit von Analphabeten ragten sie als Experten heraus, so wie einst unsere Dichter.
Schriftkultur
Heute kann fast jeder ein bisschen lesen oder schreiben, es wird ja auf allen Grundschulen gelehrt. Überall gibt es Zeitungen und Bücher, unsere Kultur betont das Schriftliche; der Pomp, mit dem (etwa im Rechtswesen und der Wirtschaft) das Wort »Dokument« verwendet wird, zeigt das beispielhaft. Das Gros der Jobs in der Kommunikationsgesellschaft dreht sich ums Sprechen und Zuhören, teils auch ums Lesen und Schreiben. Und seit die Aufzeichnungstechniken von Ton und Bild (mit Tonspur) so leicht und erschwinglich geworden sind, brauchen wir weniger schriftliche Aufzeichnungen (etwas zu »protokollieren« ist ein bisschen veraltet); ein Tondokument reicht oft aus. Diese Tontechniken werten die gesprochene gegenüber der geschriebenen Sprache auf, weil man die gesprochene nun ebenso leicht aufzeichnen – sie »dokumentieren« kann.
Nur eine Frage der Technik
Was soll ein Schriftsteller dem voraus haben, der in ein Diktiergerät hineinspricht? Was soll das Schreiben dem Sprechen voraus haben, und das Sprechen dem Denken? Alles nur eine Frage der Äußerung, der Aufzeichnungstechnik und vielleicht noch eines Editierens des Wesentlichen. Technische Fragen.
Ebenso wie das Buch nur eine Art der Veröffentlichung ist. Seinen Inhalt kann man auch auf eine CD pressen, als schriftliche oder hörbare Daten. »Du hast ein Buch geschrieben« – nein, ich habe Wortfolgen gedacht und sie dann vielleicht ausgesprochen oder in Buchstaben aufgezeichnet. Ob ein Unternehmer (oder Liebhaber) daraus ein Buch macht oder eine Audio-Konserve oder sie auf eine Internetseite stellt, das sind alles keine Fragen des Inhalts sondern nur der Veröffentlichung – wo und und in welchem Medium.
»Autor« zu sein heißt gar nichts
Genau genommen gibt es heute keine Schriftsteller (oder Autoren) mehr. Der Begriff ist veraltet, er passt einfach nicht mehr. Wenn uns für »connection Spirit« jemand einen Text einreicht, und wir dann am Ende etwas zur Persönlichkeit des Schreibers sagen, eine »Vita« (Lebenslauf) oder Berufs- oder Identitätsbezeichnung dort bringen, was soll da heißen »Sie ist Autorin«? Dass sie imstande war diesen Text zu schrieben? Dass sie schon öfters mal bereit und imstande war einen Text zu schreiben? Dass wir die Chuzpe haben, ihn zu veröffentlichen? (Das sieht man doch). Dass sie mit dem Schreiben so viel Geld verdient, dass sie davon leben kann? (Das wissen wir nicht). Eigentlich sagt es nichts aus als das, was man sieht: Da steht ein Text, und dann die Behauptung, der Mensch Sowieso habe ihn geschrieben.
Bluff, vor aller Augen
Trotzdem leuchten die Augen des freundlichen Menschens da vor mir, vor der Scheune, in der auf ein paar Paletten tausende von Büchern liegen, auf denen »Wolf Schneider« steht. Wir stehen im grellen Sonnenlicht dieses wunderschönen Wintertages, und ich freue mich über diese Anerkennung, oder vielmehr: dieses Staunen. Ich bin kein Schriftsteller, ich würde bluffen, wenn ich so täte als wäre ich einer, und doch rührt mich diese Freude und Hochachtung vor der »Kultur«. Sie berührt meine Eitelkeit, meinen Wunsch als »einer von denen« zu gelten, den »Kulturschaffenden«, obwohl ich weiß, ich würde ihn täuschen, wenn ich ihn in diesem Glauben ließe.
Gedanken haben, ein Mensch sein
Von außen sieht es aus wie Kultur, was da »in den Büchern steht«. Von innen ist es einfach: Gedanken haben, ein Mensch sein. Das, was jeder hat, was jeder ist. Wer sich die Mühe macht, seine Gedanken aufzuzeichnen, warum sollten wir den hochachten? Oder den, der es schafft, seine Aufzeichnungen zu vervielfältigen, sei es, weil er das Geld dazu hat oder es ihm gelungen ist, einen Verleger damit zu beschwatzen. Wenn einer Steine, Briefmarken oder Muscheln sammelt, warum sollte uns das weniger gelten als Worte? Oder deren Vervielfältigung – wozu?
Es gibt schon so viele Worte, und vielzuviele davon stehen in Büchern. Mehr als siebzig tausend Buchneuerscheinungen gibt es pro Jahr, allein auf Deutsch! Jeden Herbst wieder höre und lese ich diese Zahlen auf der Buchmesse in Frankfurt und kann es kaum fassen. Wozu das alles? Wer soll das lesen? Wer würde das kaufen wollen?
Technische Revolutionen
Unsere Sprach- und Denkkultur wird sich in den kommenden Jahren weiter fundamental ändern und zwar noch schneller und dramatischer als je. Die Erfindung der Schrift, der Buchdruck (Gutenberg), der Rotationsdruck, das Fernsehen, das Internet, Print-on-demand .... es geht weiter. Alles das hat seine Rückwirkung darauf, wie wir Sprache verwenden, sowohl nach innen, im inneren Dialog oder Selbstgespräch, wie in der Kommunikation nach außen.
Jeder, der lesen und schreiben kann, ist Autor – das ist der demokratische Aspekt. Dabei können sich Expertisen entwickeln – das ist der elitäre Aspekt.
Sprechen, lieben, lachen, denken
Sprachfähig zu sein ist ein wesentliches Merkmal von uns Menschen, so wesentlich wie das Lachen, das Lieben oder dass wir Werkzeuge benutzen. Die Schrift oder deren Vervielfältigung ist etwas Äußerliches, im Innern entsteht das Sprechen aus dem Denken. Beides enthält Begriffe, es benennt und bezeichnet. Dort, wo es das alles nicht tut, wo wir nicht mehr oder noch nicht denken, ist Raum. Erst wenn wir das Denken als solches bemerken, können wir auch seiner Abwesenheit gewahr werden – und aufatmen.
Kein Schriftsteller zu sein ist leicht, ich war eh nie einer. Kein Denker mehr zu sein, was für eine Freiheit!
Denkst du auch so? Verstehst du mich?
Genau genommen gibt es heute
keine Schriftsteller mehr
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