Startseite | Tagebuch | Forum | Kurse
Texte | Bücher | Vita | Impressum |
Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

2.3.2005

Sprache wirkt

Heute fiel mir ein, dass ich übermorgen einen Vortrag zu halten habe über das Thema »Sprache wirkt«, und zwar an einem Platz, den ich noch nicht kenne: die Stiftung Eisvogel in Pähl am Ammersee.
Ich habe zu diesem Thema noch nie einen Vortrag gehalten, aber gerade das finde ich spannend. Etwas zum ersten Mal tun. Einen Vortrag nicht ablesen, sondern ihn frei halten, vielleicht sogar ohne Notizen, ohne Spickzettel. Ich will mich doch nicht langweilen bei einem Vortrag, auch als Redner nicht. Ich will mich überraschen mit dem, was ich sage, und das kann ich nur, wenn ich frei spreche.
Außerdem: Wenn schon einer daherkommt und sagt, sein Thema sei, dass Sprache wirkt, wenn sie dann nicht wirkt, auweia, das wäre doch ein kranker Arzt. Also besser ich sorge dafür, dass mein Vortrag übermorgen auch tatsächlich wirkt.

In aller Öffentlichkeit
Dies hier schreibe ich jetzt, um mich auf das Thema vorzubereiten. Es aufzuschreiben hilft mir, die Ideen, die ich dazu habe, tiefer in meine Seele sinken zu lassen, so dass ich sie dann, je nach Publikum, leichter angepassen kann an das, was die Leute dort hören und verstehen wollen (oder können).
Außerdem hatte ich mir vorgenommen, dieses Jahr mehr fürs Blog zu schreiben, mindestens jeden zweiten oder dritten Tag ein bisschen, und so könnte ich damit nicht nur den Vortrag vorbereiten (in aller Öffentlichkeit), sondern wäre auch (inmitten all meiner Zeitnot) meinem Schreibsoll ein bisschen näher kommen.
Schließlich, drittens, will ich noch dieses Jahr mein fünftes Buch herausbringen. Es soll Sprache zum Thema haben. Wie Sprache funktioniert und was man damit machen kann. Auch diesem Zweck sollen dieser Blogeintrag und der folgende Vortrag und Workshop nützen.

»... denn es steht geschrieben ...«
Erstmal eine wichtige Unterscheidung: Es gibt schriftliche Sprache und mündliche Sprache. Die mündliche ist älter. Wie alt, das hängt davon ab, wie weit man den Tieren Sprachfähigkeit zugesteht. Der menschliche Kehlkopf, die Zunge und die Lippen mit denen wir sprechen, das gibt es wohl seit ein par zigtausend Jahren. Schrift gibt es erst seit fünf oder sechs tausend Jahren, und auch heute noch gibt es viele Analphabeten, d.h. die großartige und ach so alte Erfindung der Schrift ist auch heute erst grade mal zu ungefähr gut der Hälfte der Menschen durchgedrungen. Die nächsten technischen Erfindungen bezüglich der Schrift waren: Buchdruck, Rotationsdruck, Internet, print-on-demand. Die sind noch viel neuer und noch weniger zu allen Menschen durchgedrungen.
Der Kult der Heiligen Bücher (Veden, Tora, Bibel, Koran) ist eigentlich ein Kult (eine Heiligung) eines Events der Technikgeschichte, nämlich der Erfindung der Schrift (man beachte das Charisma von Ausdrucksweisen wie »denn es steht geschrieben« oder »schwarz auf weiß«). Aber selbst im heutigen Marketing bemerkt man den Kultcharakter des Objekts Buch (die Magie von »Er hat ein Buch geschrieben« gegenüber »Er hat etwas gesagt«).

Was hat Bedeutung?
Um festzustellen, ob Sprache wirkt oder welche Sprache denn wirkt, müssen wir erstmal feststellen, was Sprache ist. Dass es Dinge gibt, die wirken, ist klar. Welche davon aber sind sprachlich? Buchstaben, Bilder, Worte ... Im engeren Sinne ist Sprache die gesprochene oder geschriebene verbale Sprache, die aus Sprachlauten oder Buchstaben und Worten besteht. Im weiteren Sinne sind es auch Bilder, Gestern, Symbole, Melodien, schließlich alles, dem Menschen Bedeutung geben – also im weitesten Sinne alles, denn auch Steine, Sterne und das Nichts können für Menschen Bedeutung erlangen.

Sterne, die keiner kennt
Was von alledem wirkt? Jedes Ding und Ereignis kann wirken. Wirkung bedeutet, dass etwas in einem Kausalzusammenhang steht und dort als Ursache irgendeine Wirkung erzeugt. Und das tun Worte, gesprochene ebenso wie geschriebene. Das tun aber auch Gegenstände und Ereignisse aller Art. Im wiederum weitesten Sinne könnten wir sagen, dass irgendetwas genau dann als sprachlich verstanden werden kann, wenn es je für einen Menschen irgendeine Wirkung hat. Nehmen wir einen Stern unter den hunderttausenden, die man im Fernrohr sehen kann. Alle die Sterne, die noch nie von irgendeinem Menschen bewusst wahr genommen wurden, haben auch noch nie in einem Menschen eine Wirkung erzielt. Alle diese könnte man nach der eben gegebenen Definition als nichtsprachlich bezeichnen. Sirius wäre demgegenüber ein sprachlicher Gegenstand - der Stern Sirius, meine ich, nicht das Wort »Sirius«, das ja sowieso ein sprachlicher Gegenstand ist, auch im engesten Sinne.

Einleuchtendes Missverständnis
Was hat Wirkung mit Verständnis zu tun? Wirkt Sprache auch dann, wenn sie nicht verstanden wird? Hierzu fällt mir die Geschichte »Kannitverstan« von Johann Peter Hebel ein (www.geocities.com/Athens/8307/kannit.htm oder einfach bei Google »»Kannitverstan« eingeben), in der eine Folge von Missverständnissen nicht nur eine große Wirkung erzeugt im Helden dieser Erzählung, sondern diesen sogar reifen und zu Weisheit gelangen lässt. Hier ist die Sprache ganz direkt und konkret nicht verstanden worden und hat doch im Ganzen im Helden zu dem großen oder tiefen Verständnis geführt, dass jeder Mensch sterblich ist, auch der reichste und mächtigste.

Sprache und Bewusstsein
Was hat Sprache mit Bewusstsein zu tun? Fördert sie's oder vernebelt sie's eher? Sprache lenkt die Aufmerksamkeit, jeder Hypnotiseur, Geistheiler, Zauberkünstler und politische Redner weiß das. Sie macht das bewusst, was sie anspricht, anderseits lenkt sie das Bewusstsein weg von dem, was sie nicht anspricht, was (je nach Redner) auch oft nicht bemerkt werden soll: für den Zauberer die Hände, die das Kaninchen im Hut verstecken; für den Politiker die Arbeitslosigkeit oder die Korruption; für den Heiler der Makel, den er nun zum Verschwinden bringen will, weil exzessive Aufmerksamkeit ihn vielleicht erst erzeugt hat.
Wer nicht sprechen kann, der kann die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen nicht lenken – oder nicht so gut lenken, denn auch Gesten und Zeichen können sie lenken. Wer nicht aufhören kann zu sprechen oder zu denken, der ist kaum weniger behindert, denn er bemerkt das nicht mehr, was ohne Sprache da ist. Die Dinge, wie sie einfach sind, unbesprochen, ungenannt.

Die Heldenreise
Daraus ergibt sich, dass die Erkenntnis des Funktionierens von Sprache das gesamte Spektrum spiritueller Einsicht und Erkenntnis abdeckt. Wer Sprache vollständig erkannt hat, der hat alles erkannt, denn alles Erkennbare drückt sich im Medium irgendeiner Sprache aus, und sei es die Sprache des inneren Dialoges oder der inneren Bilder. Wer davon frei ist, der ist im spirituellen Sinne frei: »Mukti« nenen die Inder den zu Lebzeiten Befreiten (»moksha« oder »nirvana«/Verlöschen, so nennen sie die Befreiung).
Auch die klassische Heldenreise des religiösen Menschen des Westens lässt sich als eine Geschichte der Spracherkenntnis erzählen: Im Paradies kannten wir noch keine Sprache, da waren die Dinge noch so, wie sie sind, unbenannt. Dann aßen wir vom Baum der Erkenntnis: Wir benannten die Dinge und verzerrten und verzauberten sie (und uns) damit. Erst wenn wir vom Baum des Lebens essen, das heißt, wenn wir (mitten im gelebten Leben) die Sprache als das durchschauen, was sie ist - erst dann werden wir vom Fluch des Irdischen befreit und können die Dinge wieder so sehen wie sie sind.

Fluch und Segen
Der Fluch des Irdischen? Auf Lateinisch heißt Fluch maledictio, das heißt, das schlecht (male) Besprochene (dictio). Das Gegenteil ist der Segen, benedictio, das gut (bene) Besprochene. Sprache allein kann verfluchen und segnen. Wer sie durchschaut ist nicht mehr verfluchbar, nicht mehr beleidigbar, nicht mehr zu kränken und zu erniedrigen, dann für alles das benützen wir Sprache. Wer das durchschaut ist davon frei.
Und im Positiven: Wer Sprache erkennt, kann segnen, loben, verehren, Liebe und Anerkennung ausdrücken, sich selbst und anderen gegenüber. Wer das kann ist mächtig.
Die Freiheit im Umgang mit all dem, mit Fluch und Segen der Sprache, male- und bendictio, hat nur wer sie nicht braucht, wer nicht sprachsüchtig ist, nicht lesen, reden und denken MUSS, sondern alles das KANN.
Und wie kommt man dahin? Das eben ist das Thema aller spirituellen Praxis: Meditation, Gebete, Mantras, Exerzitien, Koans, Übungen aller Art, die Verständnis erzeugen sollen, oder einfach (und vielleicht am besten): das Leben mit seinen Wechselfällen, auf dem wir als »Helden« reifen und zur Einsicht kommen.

+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1109799729