Startseite | Tagebuch | Forum | Kurse
Texte | Bücher | Vita | Impressum |
Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

18.4.2005

Schriftsteller

Sie kochen nicht mit Wasser, sondern mit Worten

Manchmal werde ich »Schriftsteller« genannt oder »Wortkünstler« oder sogar »Meister der Worte«. Oder jemand sagt, ich sei eloquent oder »Worte, das ist doch Dein Metier«. Da müsste ich mich geschmeichelt fühlen. Meistens aber ärgern mich solche Aussagen eher, als dass sie mich freuen, und das hat mehrere Gründe.

Identität
Ich bin ein Mensch, der lebt, isst, tanzt, liebt, arbeitet, Fahrrad fährt, seine Katze streichelt und so weiter, und der das, was er erlebt, auch gerne beschreibt. Schriftsteller sein, das klingt so steif. Auch für einen Schriftsteller kommt das Menschsein zuerst. Wahrscheinlich geht es den Maurern, Programmierern und Erzieherinnen ebenso: Erst bin ich ein Mensch, dann der Ausübende eines Berufs.

Ansprüche
»Meister der Worte«, wenn das respektvoll ausgesprochen wird, flimmert eine Freude in mir über diese Anerkennung: Sie mögen es, was ich sage! Sie sehen die Schönheit darin! Andererseits fürchte ich die Ansprüche: Wenn »ein Meister der Worte wie Du sowas sagt, dann ....« muss das ganz besonders gut durchdacht, deutlich, klar und geistig ausgereift sein.

Misstrauen
Bei alledem, besonders dann, wenn ich »eloquent« genannt werde oder »beredt«, schwingt auch noch etwas anderes mit: Der Typ kann uns mit seiner Wortkunst etwas vormachen, uns über den Tisch ziehen, die Wahrheit verdrehen – er ist der Stärkere, wir sind die Schwächeren, seien wir auf der Hut vor ihm!

Sprachbewusstein aus der Defensive
Wer bin ich denn? Ich bin doch selbst ein Gepeinigter von der Überredungskunst anderer. Meine Wortkunst ist aus der Verteidigung entstanden und noch von ihr geprägt. Mein Sprachbewusstsein ist keine Angriffswaffe, kein Mittel, um andere über den Tisch zu ziehen, sondern erst entstanden als Notwehr eines Überwältigten gegen manipulative Übergriffe.

Opfer von Wortgewalt
Ich bin ein Sprachversehrter. Ich bin der einhändige Klavierspieler, der aus seiner Behinderung etwas gemacht hat. Als Kind habe ich Wortgewalt erlitten wie wahrscheinlich jedes Kind. Ich fühlte mich unterlegen und schwieg. Erst allmählich wuchs der Trotz heran: Denen zeig ich's! Was die können mit ihren Worten, das werde ich eines Tages auch können! So lernte ich, Lektion für Lektion, über die Jahre immer ein bisschen dazu.

Subversiver Unglauben
In der Schule war bis zum Schluss Deutsch immer eines der Fächer, in denen ich weniger gute Noten hatte. Ich traute der Sprache nicht. Ich hatte starke Gefühle, konnte die aber in Worten kaum ausdrücken und fand sie auch nur selten in den Worten anderer. So lernte ich lieber Mathe und Naturwissenschaften, Geografie und Geschichte und mogelte mich so durch, als Ungläubiger der herrschenden Sprache.

Auch ich bin ein Opfer
Und da sagen sie jetzt »Du Sprachkünstler, Meister der Worte« und fühlen sich mir unterlegen, ausgerechnet MIR! Sie denunzieren mich als Täter, weil sie sich selbst als Opfer fühlen. Dabei bin ich selbst nicht weniger Opfer als jeder andere Zuhörende und Lesende auch: ein Empfangender und Geprägter von Sprache.

Die Autorin des Spontanfick
Erica Jong war als junge Autoren mit ihrem Buch »Angst vorm Fliegen« berühmt geworden, in dem die Protagonistin sich gelegentlich voller Lust spontanem Sex hingab. Der riesige Erfolg dieses Buchs hatte sie als Autorin des Spontanficks bekannt gemacht. Für die Konsumenten der Massenmedien war sie nun vor allem das, so als könne sie über nichts anderes schreiben oder hätte als Mensch sonst nichts zu bieten, als auf eloquent über Spontanfick zu schreiben. Alle anderen Identitäten von ihr verblassten daneben, und sie hasste das.
Erst über die Jahre lernte sie auch die Vorteile dieser Berühmtheit schätzen, sagte sie im SPIEGEL-Interview. Zum einen hatte das Buch sie reich gemacht. Zum anderen wurde sie nun von Interviewern ständig befragt über alles, was mit Sex, Frauen oder Spontaneität zu tun hatte und konnte dazu Meinungen äußern, die auch Wirkung zeigten. Und bekam weitere Aufträge, wenn auch vor allem in diesem Themenfeld.

Du hast gut reden!
Als ich das las, dachte ich: »Lass uns doch tauschen! 99% der Autoren können nicht vom Schreiben leben, und du beklagst sich, dass du so berühmt bist?! Unsereins wird überhaupt nicht interviewt, nach uns kräht kein Hahn. Nutz deine Berühmtheit doch für deine Zwecke. Dreh die Identität um und zeig ihnen, was du sonst noch kannst!«
Das aber ist gar nicht so leicht. Gerade der Mainstream bewegt sich ungefähr so langsam wie der Golfstrom. Eine Meinung, die die Massen einmal gefasst haben, davon lassen sie dann kaum mehr los: Deutsche sind ordentlich, Franzosen frivol, Schweizer langsam, und die Erica Jong, das ist die Autorin des Spontanfick. Einmal drin in der Schublade, kommste da kaum mehr raus.

Brilliante Wortverdreher
Und die Schriftsteller? Die sind eben Meister der Sprache. Denen darf da nun kein Patzer mehr unterkommen. Die sind rhetorisch brilliant, das ist doch ihr Metier. Und wer nicht aufpasst, dem drehen sie das Wort im Mund um.

»Worte, das ist doch
dein Metier!«

+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1113858025