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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

7.6.2005

Mythos Christentum

Martin Scorsese, »Die letzte Versuchung Christi«

Hab mir grad diesen Film angeschaut, auf DVD, auf deutsch, den Martin Scorsese nach dem Buch von Nikos Katzazakis gedreht hat (erschienen ist er 1989). Eine monumentale Bildorgie, wie sie nur Italiener inszenieren (können) und dabei eine Interpretation von Jesus als durchgeknallter jüdischer Freak, pathetisch, abwechselnd größenwahnsinnig und kleinmütig zweifelnd, voller innerer Kämpfe, mit sich selbst in Konflikt und mit seiner politischen, religiösen und menschlichen Vision.

Ein ambivalenter Gott
Dabei das Christentum als die wirkungsvollste und weitreichendste Vermarktung eines Mythos, den die Menschenwelt je gesehen hat. Bald zwei tausend Jahre schon wirkt dieser Mythos vom Leiden und der Erlösung durch Leiden, vom Martyrium, von einem grausamen, strafenden, Hingabe fordernden Gott, der aber auch Teile hat, die bedingungslos und zärtlich lieben.
Nur: Welche Teile wirken gerade? Ein ambivalenter und undurchschaubarer Gott ist das, und der Entstehungsmythos dieses Gottes ist tief verwickelt in den politischen Kampf der damaligen Juden gegen die römische Herrschaft.

Religion der Liebe?
Ist das Christentum eine Religion der Liebe? Das können wir aus dem Christentum machen, wenn wir dazu liebevoll genug sind. Aus dem Ursprungsmythos geht das jedoch nur bedingt hervor. Die Einbindung der Jesusfigur in das alte Judentum ist so stark, Jesus ist eben auch ein Kind seiner Zeit. Eine moderne Religion ist das Christentum deshalb nur zum Teil.
Die Weisheit der Welt, auch die religiöse Weisheit ist inzwischen fortgeschritten. Eine Anbetung dieses alten Mythos über seine tiefe epische Qualität hinaus ist nicht pauschal zu empfehlen. Besser man pickt sich das Beste raus: das Thomasevangelium etwa oder die Bergpredigt und lässt die grausamen, unverzeihenden, bitteren Teile dieser Lehre weg.

Buddha und Jesus
Buddha erscheint mir weiser als der überlieferte Jesus – im Vergleich dieser beiden populärsten religiösen »Helden« unserer Zeit, vielleicht der Menschheitsgeschichte überhaupt. Professor Claus Eurich von der Uni Dortmund nannte sie neulich »eineinige Zwillinge«. Eine schöne Idee von einer Einheit der Religionen ist das, aber es entspricht wohl doch nicht der Wahrheit, so schön diese Idee auch ist.
Jesus ist nicht nur weise, sondern auch ein in sich zerrissender Revoluzzer, der aufbegehrt und im Martyrium die Erlösung sucht. Und auch Buddha ist ein Kind seiner Zeit und der damaligen indischen Kultur: Die Reinkarnationlehre und seine geradezu emotionslose Weltabwendung sind typisch indisch und als solche nicht unbedingt die Essenz transkultureller Weisheit.
Von der Frauendegradierung beider Religionen mal abgesehen.

Mythos und Wirklichkeit
Als die aufschlussreichste Stelle in dem Film empfinde ich die, wo der zum Paulus bekehrte Saulus den Jesus des Kreuz-Deliriums trifft, den Jesus, der nun ein normales Leben führt, diese schöne Alternative zum Kreuzestod, die ihm als »letzte Versuchung« im Todeskampf begegnet. Eine Szene, in der Jesus erst gegen Paulus wütet, weil dieser einen Mythos predige, nicht die Wahrheit. Paulus aber bedankt sich nach diesem Streitgespräch mit dem (fiktiven) Jesus dafür, dass er einen Mythos predigen darf, den dieser sei stärker als die Wirklichkeit, in der ihm der gerade (im Wahn) vom Kreuz gestiegene Jesus begegnet.

Der Mythos von Jesus wirkt auch
heute noch mächtiger als jeder
andere Mythos. Weisheit finden wir
darin aber nur bedingt

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