Wolf Schneiders Webdiary
12.6.2005
Nachts im Wald
Sicherheit gewinnen. Unabhängiger werden von der Zivilisation
Neulich schlief ich nachts im Wald. Bin einfach mit dem Auto an den Waldrand gefahren, dann circa hundert Meter weiter gegangen im fast völligen Dunkel, ohne Taschenlampe, an eine Stelle, die ich bei Tageslicht so ungefähr kannte. Habe dort meinen Schlafsack ausgerollt und gepennt.
Seltsame Begegnung
Uhhh ... nachts allein im Wald! Kurz nach Mitternacht kam tatsächlich ein Wildschwein vorbei. Ich hörte es grunzen, grunzte zurück (Warum nur? Ich tat es reflexartig) und verscheuchte es anscheinend damit. Hatte aber doch ein bisschen Angst dabei. Wildschweine können gefährlich sein, vor allem im Frühjahr die Mütter mit den Jungen.
Morgens gegen vier Uhr begann das Vogelkonzert in fast ohrenbetäubender Lautstärke, da döste ich nur noch, schlief nicht mehr richtig. Was für ein schöner Morgen! Gegen sechs Uhr stand ich auf, ging zum Auto, fuhr heim (ca. 2 km), duschte und machte mir Frühstück.
Unabhängig sein
So eine Nacht im Wald weckt Sehnsüchte. Das nächste Mal will ich nicht mehr mit dem Auto herfahren, sondern mit dem Fahrrad. Auch mal bei nicht so warmem Wetter? Vielleicht. Auch im Herbst oder gar Winter draußen schlafen können, das würde mir Sicherheit geben. Nicht mehr so abhängig sein von der Gesellschaft, auch allein zurecht kommen, was für ein großartiges Gefühl!
Tierischer sein, freier
Der größte Teil der Angst, nachts »draußen im Wald« zu sein, ist eingebildet. Reale Gefahren gibt es dort kaum. Mal rauskommen aus der Bequemlichkeit des zivilisierten Lebens, da fühlt sich der Körper gleich ganz anders an, tierischer, freier. Ich fühle mich so wohl mit den anderen Tieren, in vieler Hinsicht viel mehr als mit den Menschen. Tiere sind so einfach, das gefällt mir. Sie sind meine Geschwister. Sie bewegen sich so frei.
An derselben Stelle saß ich vor ein paar Wochen mal tags, da kam ein Wiesel vorbei, leichtfüßig, behende, schnell; am Waldrand hob es die Nase in den Wind und nahm Witterung auf, bevor es sich ins Feld hineintraute, in den gelbgrünen Raps, der im April so stark riecht, dass man sich daran berauschen kann.
Überlebenskunst
Nachts im Wald sich eine Unterkunft bauen. Ein Überlebenstrainer hat mir mal gesagt, er könne zeigen, wie man ohne Schlafsack, nur mit Zweigen und Laub sich im Wald in 20 min ein Biwak baut, in dem man auch bei Frost übernachten kann. Die Sicherheit gewinnen, auch ohne viel Drumrum leben zu können. Ich will auch lernen, mich wenigstens ein paar Tage oder Wochen im Wald ernähren zu können.
Atmen und leben
Unter dem Sternenhimmel liegen und hinaufschauen: was für eine Tiefe und Weite! Da fühlt sich das Erdenleben doch ganz anders an. Aufstehen, essen, pissen, weitergehen – und nachts schlafen unter dem Sternenhimmel. Nicht so viel nachdenken. Atmen und leben.
Tiere sind so einfach, so frei.
Sie sind meine Geschwister
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