Wolf Schneiders Webdiary
22.6.2005
Tabus
Die großen Tabus, sie bleiben
Sex, Tod, Religion und Autorität sind die großen Tabus. Das war schon in den 60er Jahren so, als ich aufwuchs, und so ist es auch heute noch. In den 70er Jahren hieß es in den Encountergruppen: Sex und Autorität sind die großen Tabus. Aber auch Tod und Religion sind ebenso große vermiedene Geheimnisse, meine ich.
Es mögen sexuelle und antiautoritäre Revolutionen über die Erde hinwegfegen, anscheinend bleiben die alten Tabus dabei doch erhalten.
Sex und Tod
Wer packt schon wirklich aus über sein Sexualleben und seine eigenen intimen Wünsche und Bedürfnisse? Ein bisschen mehr vielleicht als vor vierzig Jahren, aber nicht viel. Soviel zum Sex. Und Tod? Wir haben Angst davor und meinen, ewig jung bleiben zu können. »Irgendwie« wird das Leben schon so weiter gehen ... oder?
Währenddessen sehen wir im TV, Kino oder auf DVD Spielfilme und Melodramen, in denen es um genau das geht: um Liebe, Sex und Tod. Und sind doch seltsam unberührt davon, so als hätte das mit unserem eigenen Leben nicht viel zu tun.
Religion
Das Thema Religion ist in unseren Medien eingefroren zwischen den Kulten der einigermaßen akzeptierten »Hochreligionen«, die man für »Hochkultur« hält und dem Kult der Wissenschaft.
Echte, direkte, tiefe, mystische Religiosität gilt unseren Massenmedien als suspekt. Sie berührt zu viel, sie verwandelt zu stark. »Wo soll das alles hinführen?« Auch hier dominiert die Angst.
Autorität
Und schließlich Autorität: Wer bestimmt über uns, über mich? Die Angst vor Manipulation, Gehirnwäsche, Sekten und Diktatur, Geheimndiensten, Geheimbünden, Verschwörungen, Krieg wurzelt hier. Wir wissen nicht, aus welcher Quelle unsere eigenen Entscheidungen getroffen werden, deshalb haben wir Angst, es könnten sich da »fremde« Einflüsse einmischen, undurchschaubare.
Wir durchschauen uns selbst nicht, deshalb haben wir Angst.
Sex fegt uns hinweg,
der Tod nimmt uns alles,
und wer hat die Macht?
Wir suchen nach Erlösung,
und meiden sie doch
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