Wolf Schneiders Webdiary
29.6.2005
Der liebe Gott
Erst jenseits von Beschönigung beginnt das religiöse Erleben
Was wird denn der liebe Gott dazu sagen? Nichts, denn der redet nicht. Jedenfalls redet er nicht so wie ein gütiger Opa - jedenfalls meistens nicht (obwohl - auch Opas sind Gott, ich weiß). Der Onkel Doktor ist ja auch nicht mein Onkel und der Hund ein Hund und kein Wauwau.
Kindersprache
Was ist das nur für eine Religion, die sich ein paar Begriffe aus der Kindersprache herauspickt und dann meint, das sei echt und Zeichen einer »Religion der Liebe«. Eher ist das Zeichen von Verniedlichung und Heuchelei, jedenfalls nicht von Liebe.
Abrechnung mit dem Chef
27 Jahre ist es her, da nahm ich an einem Seminar teil, das über 31 Tage ging. Es war das intensivste, was ich bis dato kannte, vielleicht überhaupt das intensivste und gewaltigste dieser Art, was ich je erlebt habe. Nach zwei oder drei Wochen in dieser wilden, grenzüberschreitenden Veranstaltung wurden wir aufgefordert, nach all dem, was wir bisher mit den Menschen ausgemacht hatten, uns nunmal an »den Chef« zu wenden. Alles, was im Leben schief gelaufen war oder nicht unseren Erwartungen und Hoffnungen entsprochen hatte, damit sollten wir uns nun an den Chef wenden und Klartext reden mit ihm. Die Sachen ändern sich nur »top down«, also los, an die Spitze der Hierarchie, sag ihm, was dir nicht passt!
Wir legten uns an jenem schönen Augustnachmittag auf die Wiese hinter dem Teich des Seminarhauses, schauten in den Himmel und begannen zu sprechen. Oder auch zu schimpfen, zu klagen, wütend abzurechnen, je nachdem. Es gab viel zu sagen. Ungefähr eine Stunde lang ging dieses Klagen, dann wurde es ruhiger. Nun galt es, auf die Antwort zu hören. Zu lauschen! Auf die Zeichen zu achten.
Zeichen vom Himmel
Rücklings im Gras liegend sahen wir in das milde Augustnachmittagslicht und zu den Schäfchenwolken hinauf. Schwalben flogen vorüber, und man hörte die Enten vom Teich her schnattern. Es was so still. Fast nur Naturgeräusche waren zu hören. Und der Himmel, der sah so aus, wie ein Augusthimmel am Nachmittag über einem oberbayerischen Weiler eben aussieht.
Wir aber in unserer Erschöpfung und Verausgabung waren so offen, dass die Töne und Zeichen, die wir hörten und sahen Sinn machten, so als hätte jemand zu uns gesprochen. Jemand? Nein, niemand. Aber der Himmel dort oben war plötzlich offen und bedeutsam bis in Einzelheiten. Der banale Himmel dort oben und die triviale Erde hier unten waren plötzlich bedeutsam.
Es ist genug
Es ist nicht nötig hinter den Wolken einen großen oder gütigen Gott zu suchen; wir vermuten dort ja auch nicht den großen Wauwau oder die große Mietzekatze. Die Wolken selbst sind die Worte und die Flugbewegungen der Schwalben die Zeichen.
Es ist alles schon genug, so wie es ist, auch ohne Beschönigung.
Nach dem Klagen
warteten wir auf Zeichen
vom Himmel
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