Wolf Schneiders Webdiary
1.8.2005
Sinnlichkeit
hat doch nichts mit Sex zu tun
Schon immer hat es mich geärgert, wenn das Wort »Sinnlichkeit« verwendet wurde, um Sexualität oder Erotik zu umschreiben. Zum einen, weil ich es für feige halte oder für falsche Scham, wenn man von Sex sprechen will, stattdessen vom Storch zu erzählen, von den Bienen oder eben von »Sinnlichkeit«. Zum anderen, weil »Sinnlichkeit« als »auf die Sinne bezogene oder für Sinneseindrücke offene Wahrnehmung« eben etwas ganz anderes bedeutet als Sex oder Erotik, es hat so gut wie nichts damit zu tun. Und was für einen Zweck sollte eine solche Begriffsverwirrung denn haben? Etwas Poetisches sehe ich darin nicht, nur Verwirrung.
Sinnlicher Gestank
An einem heißen Sommerabend sich über die kühle Abendbrise zu freuen und ganz darin aufzugehen oder bei Sonnenuntergang die Farben des Westhimmels zu bewundern, das ist sinnlich. Aber auch: den Gestank einer toten Maus im Keller wahrzunehmen. Nicht nur die als angenehm empfundenen Sinneseindrücke sind sinnlich. Oder ist etwa die Farbe rot nur dann sinnlich, wenn sie etwas Gutes verheißt? Auch Gestank ist sinnlich, schmerzhafte Geräusche (Lärm), ein zu harter Autositz – alles, was über die Sinne aufgenommen wird oder eine solche Wahrnehmung betont.
Angst vor Sex
Das frühmittelalterliche Christentum fürchtete die Sinnlichkeit. Sie sei das Reich des Teufels. Wer sich dem überlasse, würde Gott nie finden, hieß es, und jedenfalls nicht in den Himmel kommen. Das gute christliche Leben gewänne man, wenn man den Augen und Ohren, der Nase und Zunge und dem Empfindungen der Haut misstraue. Sogar sich zu waschen war in vielen Klöstern verpönt, die Mönche und Nonnen fürchteten, dann ihren (oder einen anderen Körper) attraktiv zu finden und mitten in der Sünde zu landen, will sagen: im Sex.
Religio über die Sinne
Für mich hingegen ist die Hingabe an eine gegenwärtige Sinnesempfindung – zum Beispiel an ein Geräusch, das ich gerade höre – pure Mystik. Ich gehe in der Gegenwart einer solchen Sinnesempfindung auf, verliere »mich« darin und verbinde mich dabei mit allem – das ist religio, Rückbindung. Ganz im Gegensatz zu den Gedanken, die ich über Religion haben mag, über Gott oder den Teufel oder das vermeintlich von Gott geforderte korrekte Verhalten des Menschen, das alles führt mich ja weg von der Gegenwart, von Gott, vom reinen Dasein.
Gefährliche Gier
Warum haben dann so viele Kulturen (nicht nur die christliche) vor dem Sinnlichen gewarnt und es als verführerisch, unmoralisch oder unreligiös gebrandmarkt? Ich glaube, die Prediger solcher Warnungen wollten eigentlich vor der Gier warnen. Ihr Schreckensbild waren Menschen, die sich maßlos vollfraßen, besoffen oder rücksichtlos ihren sexuellen Impulsen folgten, zum Schaden anderer und zum eigenen Schaden.
Regeltreue löst die primitive Gier ab
Solche unreflektierte, maßlose Gier würde ich als primitiv bezeichnen, als erste Stufe des Menschseins. Als zweite würde ich die Reflektion nennen, das Nachdenken und Befolgen vernünftiger Regeln, wie etwa: Töte nicht, lüge nicht, halte Maß! Dass man damit »im Kopf« ist, mag sein. Aber es ist immer noch besser als vollgefressen und betrunken wahllos herumzuvögeln und dabei andere Menschen zu verletzen und die eigene Gesundheit zu ruinieren.
Drittens: Mystik durch die Sinne
Aber es gibt (ihr ahnt es schon) eine dritte Stufe: nicht mehr so viel nachdenken und sich durch sklavische Regeltreue vom Ganzen abtrennen, sondern in der direkten Erfahrung aufgehen, im Hier&Jetzt. Das ist die mystische Erfahrung, und sie öffnet sich im typischen Fall durch die Sinne (oder einen der Sinneskanäle). Deshalb: Sinnlichkeit und Mystik passen sehr gut zusammen, Gier und Mystik nicht.
Die Prediger damals hätten lieber vor der Gier warnen sollen. Sinnlichkeit ist ein Weg, auf dem sich die Tore zum Himmel weit öffnen.
In einem Klang zu vergehen
ist pure Mystik. Mit Sex oder
Gier hat das nichts zu tun.
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