Wolf Schneiders Webdiary
11.8.2005
Traduttore, traditore
Schon der Schreiber, nicht erst der Übersetzer ist ein Verräter
In »Le monde diplomatique« traf ich neulich wieder auf ein Sprichwort, das ich schon aus Italien kannte: »traduttore, traditore« – der Übersetzer ist ein Verräter. Warum denken gerade Italiener so? Weil das dort halt so ähnlich klingt. Verzaubert vom Klang der Worte meinen sie, da sei auch ein tieferer Sinn dahinter. Dass die Finnen das nicht ebenso sehen, liegt bloß daran, dass sie zufällig von einer anderen Klangkulisse sprachlich geprägt wurden.
Die Befürchtung
Na gut. Aber die Klangähnlichkeit trifft ja nur deshalb auf eine Bereitschaft, ein Sprichwort draus zu machen, weil man – in Italien jedenfalls – befürchtet, Übersetzer seien tatsächlich Verräter. Durch eine Übersetzung werde die Darstellung eines Sachverhalts so sehr entstellt, dass man einen Verrat befürchten oder gar von einem Verrat ausgehen müsse.
Verräter sind sie doch alle
Wieso hält man dann nicht bereits die erste Darstellung, das Original, für einen Verrat an der Sache? Wenn der Übersetzer eines Textes vom Italienischen ins Finnische ein Verräter sein soll, dann müsste doch der Übersetzer eines Textes über denselben Sachverhalt vom Finnischen ins Italienische ebenso ein Verräter sein. Wer von beiden ist der größere Verräter? Welches der beiden Originale ist eine bessere, wahrhaftigere Darstellung der Wirklichkeit?
Das lässt sich wohl kaum feststellen. Beide sind Verräter. Bereits die erste Darstellung, das Original ist ein Verrat, nicht erst die Übersetzung. Nichts lässt sich aussprechen oder aufschreiben, das nicht bereits ein Verrat wäre, denn das wirkliche Original ist die beschriebene Sache und nicht die erste Darstellung von ihr, in welcher Sprache sie auch immer gerade zufällig erfolgt sein mag.
Das erste Mal
Aber man hängt halt an der ersten Darstellung, die man gehört oder gelesen hat, so wie ein Kind das Märchen, das es einmal vorgelesen oder erzählt bekommen hat, immer wieder in derselben Art hören will. Beim ersten Mal Erzählen hatte der König doch drei Söhne, da dürfen es beim zweiten Mal nicht zwei Söhne und eine Tochter sein.
Wir hängen an unserer ersten Liebe – unserer Sprache, unserer Heimat, unserer Mutter und so weiter. Abweichungen von diesem »Original« kommen uns wie Verrat vor.
Verräterische Sprache
Was ist dann »Hochverrat«? Das Verraten des eigenen Landes? Warum sollte das höher sein, als wenn man seine Freunde verrät oder seine tiefsten Prinzipien? Ach, verräterische Sprache ... wir entkommen unserem alten Denken nicht, wenn wir nicht auch die alte Sprache immer wieder infrage stellen.
Vom verräterischen Hochverrat
und dem ganz gewöhnlichen
Verrat an der Wirklichkeit
- indem wir sprechen
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