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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.9.2005

Zu Vergleichen ist gut

Aber es ist noch nicht alles

»Man soll ja nicht vergleichen« höre ich immer wieder. Das steht in so vielen Psychoratgebern: Du bist einzigartig, vergleiche dich nicht mit anderen. Die Nachbarin mag Schuhe tragen, die zu ihrem Kleid passen, und du nicht – na und? Der Typ da drüben fährt einen nagelneuen BMW, und was hast du für eine Schrottkiste? Klar, dass du dich in dieser und vieler anderer Hinsicht nicht mit anderen zu vergleichen brauchst. Und andere nicht untereinander und Situationen nicht miteinander, denn jedes und jeder und jede steht für sich.

Die Grundlage der Weltbeschreibung
Soweit so gut. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere aber ist, dass das Komparative, Vergleichende die Grundlage der empirischen Wissenschaft ist und in gewisser Hinsicht von Welterkenntnis überhaupt. Wann immer du irgendetwas über irgendwen oder irgendwas aussagst, vergleichst du das Beschriebene bereits mit anderem Beschriebenen, das ist unvermeidlich und außerdem sehr nützlich.

Messen ist die genaueste Art des Vergleichs
Die genaueste Art der Beschreibung ist die Messung: Das ist der Vergleich mit einem Gegenstand oder Vorgang, den man als Maßeinheit festgelegt hat: ein Meter, ein Kilo, eine Pendelschwingung (als Zeiteinheit). Jede quantitative Aussage über eine Dauer ist dann ein Vergleich mit dieser Pendelschwingung, jede Aussage über ein Gewicht ein Vergleich mit dem Normkilogewicht.

Hab keine Angst um deine Einzigartigkeit
Zoologie und Botanik, auch Geologie und zum Teil die Chemie, ja sogar Psychologie und Lingustik haben ihre Basis großenteils in der vergleichenden Beobachtung. Und das ist gut so.
Dennoch braucht keiner Angst zu haben um seine Einzigartigkeit. Alles und jedes steht für sich – unvergleichlich – und kann doch unbeschadet mit allem verglichen werden.

Mit »denen« will ich nicht verglichen werden
Neben der unseligen Angst vor dem Vergleichen überhaupt gibt es auch noch den Widerwillen gegen bestimmte Vergleiche, weil man darin eine Ähnlichkeitsbehauptung vermutet: Schotten wollen nicht mit Engländern verglichen werden, denn sie sind ja »ganz was anderes«. Und Anarchisten nicht mit Trotzkisten oder Maoisten. Und Biochemiker nicht mit Genetikern oder Zellbiologen, obwohl doch Wissenschaftler sonst so gerne vergleichen. Und – oh Frevel aller Frevel – nichts darf mit dem Holocaust verglichen werden, denn nichts in der Welt war je so schlimm wie dies.

Unfähig zu vergleichen
X nicht mit Y vergleichen zu »können« heißt schlicht: Mein Bewusstein hat nicht die nötige Weite oder Breite, um beides mit einem Blick erfassen zu können. Es liegt zu weit auseinander, ich kann die beiden Objekte nicht nebeneinander stellen oder sie nicht mit einem Blick erfassen. »Ich bin nicht fähig« den Unterschied zwischen beidem nennen zu können. Über die Ähnlichkeit von X und Y sagt es nichts aus.
Kann man ein Atom mit einer Galaxie vergleichen, obwohl doch das eine so »unvergleichlich« viel größer ist als das andere? Ja, klar, man kann. Allein schon die Feststellung eines Größenunterschiedes ist ein Vergleich.

Mystik und Wissenschaft
Sind Mystik und Wissenschaft vereinbar? Wer in den Chor derer einstimmt, die das bejahen, dürfte keine Angst vor dem Vergleichen haben. Die Mystik erkennt das Unvergleichliche von allem und jedem – die Wissenschaft hingegen vergleicht alles, was sie in die Finger bekommt, miteinander, und dann auch noch mit Zahlen (sie zählt) und Maßeinheiten (sie misst).
Habe ich jetzt gerade die Mystik mit der Wissenschaft verglichen? Ja, das habe ich. Und habe dabei doch beide Arten des Umgangs mit der Welt für sich stehen lassen in ihrer Unvergleichlichkeit



Wer sich seiner
Unvergleichlichkeit sicher ist,
kann vergleichen voll Neugier,
ohne Angst

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