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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

13.9.2005

Lebenslügen

Von der kleinen Ausrede zum großen Motto

Was ist eine Lebenslüge? In Wörterbüchern kann ich sie auf die Schnelle nicht finden. Aber ich ahne, was sie bedeutet, und mich gruselt dabei.
Lebenslüge, das ist wohl, wenn das eigene Leben im Zeichen einer Illusion steht, mit der man sich selbst betrügt. Wenn die Devise, nach der man es führt, ein Selbstbetrug ist. So ein Leben ist verpfuscht.

Kleine und große Ausreden
Ausreden gibt es viele, tagtäglich wenden wir so viele von ihnen an. Schnell noch eine Zigarette (oder sonst ein Suchtmittel): »Das tut mir gut« oder »Das habe ich verdient«. Solche kleinen Lügen sind nur kleine Lügen, sie sind nicht so schlimm. Die große Lüge aber, die Lebenslüge, die ist schlimm. Sie ist die größte Ausrede, die man sich machen kann.

Heldenträume
Wenn ich einmal groß bin, sagte die kleine Ausrede zu ihren großen Geschwistern Schmeichelei und Verleumdung, dann möchte ich eine richtige Lebenslüge sein!

Ich tue ja nur meine Pflicht
»Ich tue ja nur meine Pflicht!« – fürs Vaterland, die Familie, die Kirche, die Partei. Das sind Beispiele für Lebenslügen. Oder: »Es hat so sein müssen«, »Es ist mein Schicksal«, »Ich konnte nicht anders«, »Das ist bei uns Tradition«.
So viele Leben stehen unter einem Zeichen. Möge es ein gutes sein! Wenn nicht, ist es wie ein Fluch. Wenn statt Freude, Mut, Lust, Freiheit oder Liebe ein niederdrückendes Motto das Leben bestimmt, dann steht es nicht gut um seinen »Träger«. Er hat etwas übernommen, dessen Quelle er nicht kennt. Er trägt ein Muster, das er nicht untersucht hat. Angst hält ihn drinnen.

Take it easy!
Mit den vielen kleinen Ausreden gewöhne ich mich schonmal an das Arrangement mit der großen Lebenslüge. Sie fühlt sich nun nicht mehr so schlimm an. Irgendwie geht es schon, irgendwie komme ich schon mit ihr aus. Mach dir mal keine Sorgen – take it easy!

Gefängnismauern
Alles das ist Sprache! Die Möglichkeit, mich aus etwas raus zu »reden« gewinne ich erst als Anwender einer erlernten Sprache. Hätte ich diese Sprache nicht, könnte ich mich nicht rausreden und nicht belügen.
Worte können aufklären, das stimmt, aber sie können auch vernebeln. Sie können eine Wahrheit ausssprechen, die befreit, sie können aber auch ein Gefängnis bauen. Ob sie ein Tunnel sind unter den Gefägnismauern oder die Mauern des Gefängnisses selbst, das hängt von ihrer Anwendung ab.

Worte können eine Wahrheit
aussprechen, die befreit.
Sie können aber auch
ein Gefängnis bauen.

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