Wolf Schneiders Webdiary
10.10.2005
Schönheit, innen und außen
Wie viel davon liegt im Auge und Ohr des Betrachters?
Neulich las ich von Musik-CDs, die zur Verbesserung der akustischen Grundstimmung eingesetzt werden. Das klingt für mich ein bisschen nach der Musik, die man in Kaufhäusern einsetzt zur Verbesserung der Kauflaune. Dabei gibt es gegen eine Verbesserung oder Verschönerung unserer Umwelt doch eigentlich nichts zu sagen, sei es nun eine optische, akustische oder sonst eine sinnliche Verbesserung der erlebten Umgebung.
Alles ist schön!
Mein Umgang damit geht tendenziell in eine andere Richtung: Ich suche die Schönheit, die im Auge oder Ohr des Betrachters liegt. Das ist so ähnlich wie mit den Sandalen, die ein weiser Mann einst erfand, nachdem der König alle Wege seines Landes mit Leder auskleiden wollte, damit die Füße beim Gehen nicht so weh tun. Wenn ich gefunden habe, was es ist, das in meinem Blick das Schönheitsempfinden ausmacht, dann habe ich damit die Sandale für das ganze Land der optischen Sinnlichkeit gefunden: Dann kann ich hinschauen, wo ich will, alles ist schön!
Jenseits der Kaufhausmusik
Ebenso müsste das fürs Ohr gelten: Wenn ich entdeckt habe, was in meinem Hören die Schönheit ausmacht, bin ich frei von der Suche nach akustischer Umweltverbesserung. Dann lockt mich keine Kaufhausmusik mehr in einen Kaufrausch, dem doch am Morgen danach ein Kater folgen könnte, und ich bin auch nicht mehr auf der Flucht vor Lärm. Wenn ich den Schlüssel zur Schönheit im Objekt entdeckt habe, dann brauche ich keine schönen Objekte mehr zu suchen, damit es mir gut geht.
Wer die Wahl hat, hat den Stress
Seit gut zehn Jahren höre ich kaum mehr aktiv Musik. Das heißt, ich tue kaum mehr etwas zur akustischen Verbesserung meiner pesönlichen Umwelt. Dabei mag ich Musik sehr. Aber das Auswählen des rechten Momentes zum Auflegen einer schönen oder auch der passenden Musik, darin liegt eine gewisse Anspannung, die den Genuss reduziert. Deshalb gebe ich mich lieber dem hin, was ich höre. Bei einer Massage Musik hören, die man gemeinsam ausgewählt hat, oder beim Liebemachen oder auch mal zu zweit im Dunkeln ganz still auf dem Bett liegen und der Musik lauschen ... ja, das ist schön. Aber da ist die Zweisamkeit das wichtigste, nicht die Musik.
Balance zwischen Geben und Empfangen
Neulich habe ich zwei meiner Flöten mal wieder angerührt und selbst ein paar Töne gespielt: Was für ein Genuss! Wieviel höher ist dieser Genuss doch als der passive, lauschende – meistens. Sich ausdrücken können, darin liegt der Genuss. Deshalb kann Schreiben ein größerer Genuss sein als Lesen, und eine Massage zu geben kann ein größerer Genuss sein als eine zu empfangen. Nicht immer ist das so, aber oft. Und wenn es wechseln kann: lesen und schreiben, massiert werden und massieren, Musik hören und Musizieren, geliebt werden und lieben – im Wechsel und in der Balance der beiden Seiten kann der Genuss sich noch höher aufschwingen als bei der Spezialisierung auf nur eine der beiden Seiten, die Empfangende oder die Gebende. Wobei unsere Kultur eine ist, die uns viel zu sehr zu Konsumenten macht. Selbst zu Produzenten zu werden, zu Kreativen, Schöpfern, ist fast immer eine Befreiung für uns, die wir nicht in einem Stamm oder einer isolierten Dorfgemeinschaft aufgewachsen sind, sondern in großen Nationen, die geprägt sind von Massenmedien. Wo sich jeder Muszierende und jeder Fußballspieler gleich mit den Weltstars vergleicht und dabei zu oft die Lust verliert und den Respekt vor dem eigenen Können.
Die Schönheit in Nase, Händen und Zunge des Betrachters
Subjekt und Objekt, passiv und aktiv sein, Senden und Empfangen, das betrifft noch mehr Sinne als nur Auge und Ohr. Auch die Riechumgebung kann ich verbessern, mit Parfüms, Aromaölen oder Räucherstäbchen, aber da bin ich in demselben Wahl- und Entscheidungsstress wie bei der Auswahl der Musik und den optischen Gegenständen, die meine Wohnung verschönern sollen. Und bin abhängig von ihnen.
Die »wahre Schönheit« liegt auch hier im Subjekt, in der Nase des Betrachters, oder in den Händen: Welche Stoffe oder Skulpturen ich befühle, welche Körperformen ... und beim Schmecken: Wieviel Aufwand soll ich betreiben, um gut schmeckendes Essen zu bekommen? Liegt die Schönheit nicht auch hier »in der Zunge« des Betrachters?
Katzen und Frauen
Wenn morgens meine Katze krächzt, noch im Dunkeln, bevor ich aufgestanden bin, staune ich: So ein schönes Tier! Für das Auge, was für eine Eleganz in den Bewegungen, und dabei dieser Blick, diese Pfoten, dieses Fell! Und für die Hände, so weich, so kuschlig, so geschmeidig beim Massieren, welch ein Genuss! Aber für das Ohr ... nein, bitte nicht, lieber aufstehen und das Futter bringen. Oder auf Durchzug schalten, nach innen gehen bzw. wieder ins Bett und noch ein Viertelstündchen länger auf »akustische Umgebungsverbesserung« verzichten.
Ein Witz hierzu, so grausam wie Katzenaugen, ich habe ihn vor vielen Jahren in Indien gehört: Ein Mann war so fasziniert von der schönen Stimme einer Sängerin, dass er ihr verfiel und nicht anders konnte als um ihre Hand anzuhalten. Nach Jahren der Werbung um sie gab sie nach, und er nahm sie zur Frau. In der Hochzeitsnacht aber, als sie sich ihm enthüllte, war er von ihrem hässlichen Aussehen so schockiert, dass er die Ehe nicht vollziehen konnte und in seiner Verzweiflung rief: »Sing, sing ....«
Mein akustischer Alltag
Zurück zum Alltag: Rasenmäher und Staubsauger mag ich nicht. Auch extremen Verkehrslärm, nervtötend schreiende Babys und das Gesumme blutgeiler Mücken oder umher irrender Fliegen, die das offene Fenster nicht finden oder Menschen, die zu viel reden und vor allem: zu viel Unnötiges. Ansonsten komme ich mit meiner akustischen Umgebung ganz gut zurecht. Bei vielem gelingt es mir, auf Durchzug zu schalten. Radio stelle ich nie an, es sei denn mal während der Autofahrt, um die Zeit nur Nachrichtenaufnahme zu nutzen.
Die Balance
Meine Sinne verbinden mich mit einer Umgebung. Ganz in mir zu ruhen, ganz zu der Schönheit zu werden, die in Auge, Ohr, Nase, Zunge und den Händen des Betrachters liegt, ist ein Ideal. Und doch mag ich mich diesem Ideal nicht völlig hingeben, sondern auch mich verbinden mit dem Äußeren: Schönheit aussenden und empfangen, geben und nehmen, eingebunden sein. Der Verzicht auf eine Verbesserung der Umgebung kann zu weit gehen. Um dieser Imbalance zu entgehen sollte der darauf folgende Schritt ein Verzicht sein auf den Versuch, sich von der Umgebung (ganz) unabhängig zu machen, was wohl eine höhere Stufe des Verzichts ist.
In den indischen Sprachen heißt Verzicht übrigens »Sannyas«.
Die ewige Suche nach
dem sinnlichen Genuss
oder der Befreiung von
der sinnlichen Qual
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