Wolf Schneiders Webdiary
1.11.2005
Die »Täter« der charismatischen Wirkung
Auch sie tragen Verantwortung, nicht nur die Opfer
Als ich gestern Abend den Schlusssatz zu »Sehen oder glotzen?« schrieb, der impliziert, dass man sich besser des eigenen Charismas bewusst sein sollte, und es besser auch nur für einen guten Zweck »ausüben« sollte, da bin ich selbst über diese logische Folgerung aus meinen Gedanken erschrocken. Und bekam auch prompt von einer Leserin eine Rückmeldung hierzu.
Unbewusst charismatisch
Zunächst zu der Frage, ob Charisma einem bewusst sein sollte oder auch nur bewusst sein kann. Ich empfinde Kinder oft als charismatisch. Mal mehr, mal weniger. In ihrer unschuldigen, natürlichen Bewegung haben sie auf mich eine Ausstrahlung, der ich mich kaum entziehen kann. Kinder, manchmal auch Tiere (im Zirkus, Zoo, in der Wildnis) können eine starke magische Kraft auf Menschen ausüben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Soll man das noch Charisma nennen, wenn dem so strahlenden Subjekt seine Strahlkraft nicht bewusst ist? Kann ein Stein (etwa die Kaaba) charismatisch sein? Eher nicht, aber völlig abwegig ist diese Frage auch nicht. Denn wer ist sich seiner Strahlkraft schon so richtig bewusst?
»Wir werden beeinflusst«
So oft wird lamentiert, dass irgendwo irgendjemand »manipuliert« würde. Und Rat gegeben, wie man sich dagegen schützen könne. Das ist die Opferperspektive: Jemand tut mir das an! Jemand ist in seiner Ausstrahlung oder Wirkung mächtiger als ich, und dieses strahlende Subjekt beeinflusst mich so sehr, dass ich Objekt mich dem nicht entziehen kann. So der Rattenfänger von Hameln mit seiner Flöte, in diesem alten Märchen. Die Werbung, die uns zum Kauf von Waren nötigt, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Die Gurus, die uns faszinieren, deren Charisma uns den Verstand raubt und das Gehirn wäscht – da bezeichnen wir uns als Opfern, die sich nicht dagegen wehren können.
»Sei faszinierend!«
So ein Opferbewusstsein entmündigt einen immer ein bisschen: Ich kann nichts dafür, ich bin dem wehrlos ausgeliefert, die Kraft, die da wirkt, ist stärker als ich selbst. Wie kann ich mich dagegen wehren?
Gute Frage. Aber ihr entspricht eine andere: Was hat der Täter, der als unentbehrlicher Partner zu diesem Opfer gehört, mit diesem Vorgang zu tun? Wenn der Faszinierte für diese Faszination (mit)verantwortlich ist, dann ist das der Faszinierende doch erst recht! Sei faszinierend! Dort, wo du das verantworten kannst.
Verliebtheit ist »faszinierend«
Was, wenn sich jemand in mich verliebt? Dann bin ich für diesen Empfänger meiner Signale faszinierend. Kann ist das verstärken oder vermindern? Nur, wenn ich mir dessen bewusst bin. Und wenn das der Fall ist, wenn ich mir dessen bewusst bin, dann bin ich für die Wirkung dieser Ausstrahlung verantwortlich. Wenn ich sie nicht will, dass muss ich mich dieser charismatischen Kommunikation entziehen. Meistens geht das.
Sie haben sich nicht im Griff
Luther, nachdem er in Wittenberg die 95 Thesen an das Kirchenportal gepinnt hatte, merkte, was das für eine Wirkung hatte: die Bauernaufstände, die Reformation ... das ganze Land war in Aufruhr. Er übernahm nicht wirklich Verantwortung für diese Ausstrahlung, er konnte es wohl auch nicht (»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«, sagte er vor dem Gericht in Worms). Deshalb dieses Hin und Her von ihm zum Beispiel gegenüber den aufständischen Bauern, was so viele Tote zur Folge hatte. Er war innerlich gespalten, er hatte sich und sein Charisma nicht im Griff. Es hat ihn überfallen, so wie es die Schamanen der Naturvölker zu überfallen pflegte, wenn »der Ruf« kam und sie dem nicht ausweichen konnten. Auch sie hatten sich nicht im Griff. Die (göttliche oder teuflische) Macht, die sie ergriffen hatte, war stärker.
Paartanz
Führer (in Wirtschaft und Politik), femmes (oder hommes) fatales (in der erotischen Kommunikation), Hypnotiseure (als Heiler oder Zauberkünstler), das sind typische Fälle von Charisma. Man kann sich ihnen nicht leicht entziehen, oft will man das auch gar nicht. Der Zauberer, der auf der Bühne das Kaninchen verschwinden lässt oder die Frau zersägt, er will faszinieren, und das Publikum will von ihm fasziniert werden, deshalb funktioniert diese Zauberei. Faszinierender und Faszinierter, das ist ein Paartanz. So ähnlich wie in der Liebe und in der Politik (zwischen Führern und Geführten).
Manchmal aber tun wir, was wir können, um nicht fasziniert zu werden – und verfallen dem Faszinosum doch.
Die Beziehung ist charismatisch, nicht das Objekt
Charisma ist eigentlich keine Eigenschaft von einem (ausstrahlenden) Objekt, sondern Eigenschaft einer Beziehung zwischen zwei miteinander kommunizierenden Wesen: dem strahlenden, charismatischen und dem diese Strahlung empfangenden, davon Faszinierten. Dem Sender und dem Empfänger. Charisma ist eine starke (eben »faszinierende«) Art der Kommunikation. Genau besehen funktioniert die normale Kommunikation zwischen Menschen so und nur so: per Charisma. Auch die Worte der Sprachen, mit denen wir untereinander kommunizieren, haben Charisma – oder sie entbehren der Wirkung.
Kommunikation ist ein
Paartanz zwischen Faszinosum
und Fasziniertem
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