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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

4.11.2005

Lass los!

Das fünfte Gebot aus dem Katechismus der Spiris

Die spirituelle Szene hat einen Katechismus. Dazu gehören die Prinzipien: Liebe ist gut. Urteile nicht. Kontrolliere nicht. Das Herz ist besser als der Kopf. Und: Lass los! Das heißt: Loslassen ist besser als festhalten. So wie ich die dogmatische Gültigkeit der anderen vier Prinzipien bestreite, so bestreite ich auch die Gültigkeit von diesem hier, dem Dogma des Loslassens. Alle diese Prinzipien gelten nur relativ. Wer sie verabsolutiert (das heißt: zum Dogma macht), hat verloren.

Loslassen ist hui, Festhalten pfui
Wer in Spiri-Kreisen sagt, er müsse an diesem Punkt noch mehr lernen loszulassen, wird Zustimmung ernten, fast egal, welchen Punkt er meint. Wenn er beansprucht festhalten zu lernen, wird er Missbilligung ernten. So ist diese Szene halt. Sie hat ihre Muster und Prinzipien.

Wo liegt der Grund für diesen Blödsinn?
Wer ein bisschen nachdenkt, ähhh ... nachfühlt (Fühlen ist besser als Denken - das soll jetzt aber keine Bewertung sein!), wird feststellen, dass sowohl das Loslassen wie das Festhalten seine Berechtigung hat, es kommt immer drauf an, was. Am Prinzip der Gewaltlosigkeit möchte ich gerne festhalten. An meiner Gewohnheit mich gesund zu ernähren hingegen möchte ich festhalten. Wie kann eine Szene nur so blöd sein, die Bewertung des Loslassens als gut und des Festhaltens als schlecht zu verallgemeinern? Das muss seine Gründe haben.

»Lass los« ist die Devise von Aufbruchsbewegungen
Ich meine, dass die spirituelle Bewegung ein Aufbruch ist aus einer festgefahrenen Gesellschaftsordnung, die zu wenig flexibel und zu wenig innovativ ist. Deshalb werden alle hieraus aufbrechenden Bewegungen das Loslassen und Verabschieden höher bewerten als das (konservative) Festhalten. Ohne diesen Kontext einer Gegenbewegung zu einem »ancien régime« gibt es keinen Grund das Loslassen für wertvoller zu halten als das Festhalten.

Der Dreischritt
Vielleicht kann man es auch als Dreischrtt betrachten, wie in der guten alten Dialektik: Der normale Mensch hält fest, er will sich nicht entwickeln, er hat Angst, er fürchtet das Neue. Er sollte seinen Geist (die Fähigkeit, die Ebene wechseln zu können) wandern lassen und lernen loszulassen. An diesen Menschen wenden sich die Prediger des »Lass los!« Da ist ihr Rat richtig.
Dann aber geht es um das Finden dessen, was nach dem Loslassen, nach der Befreiung bleibt und darum, hierzu ein Commitment einzugehen. Zu einem Projekt, einer Vision, einer Beziehung, einer Freundschaft, einem Kind ... Dann ist wieder Festhalten angesagt. Das ist der dritte Teil.
Und die Kinder dieser Festhalter (der »Konservativen«) werden dann wohl wieder loslassen predigen und üben müssen.

Frei sein, auch vom Loslassen
Wenn der Tod kommt, der große Unbekannte, und dich mitnehmen will, dann wirst du schon merken, dass du nichts festhalten kannst, sagen sie. Das loslassen Können ist eben doch eine höhere Tugend als das festhalten Können. Die Mystik ist eben doch größer als die Ethik.
Aber was, wenn ich ich dann auch das Prinzip des Loslassens loslassen will, um in der Stunde des Todes ganz frei zu sein? Um festzuhalten an meiner Freiheit? An der Freiheit alles loslassen zu dürfen ...

Schließlich auch das loslassen
Müssen loslassen zu wollen
ist dann die
»Sünde der Transzendenz«

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