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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

5.11.2005

Beethoven sein oder ein Pornokönig

Ein Sehnender sein, oder ein Erfüllter

Grad sind wir an der Fertigstellung unseres Tantra-Specials zum Thema »Sehnsucht«. Meine Notizen hierzu enthalten eine große Bandbreite dessen, was »ich« Mensch als Sehnender sein kann.

Klänge, die bis ans Ende des Universums reichen
Ist es besser alles zu haben und in der Banalität des Genossenen zu vergehen, sehnsuchtslos? Oder nichts zu haben und alles grandios ersehnen zu können, fantastisch, leidenschaftlich, weit ...
Ich denke dabei an Beethoven, von dem man munkelt, er habe nie im Leben sexuelle Erfüllung genossen. Nie eine Frau »gehabt«, nie eine erfüllte Liebe, nie die Vereinigung erlebt. Er, der so groß Sehnende, der Musik komponiert hat, deren Klänge die Enden des Universums berührt. Will ich so sein, so großartig sehnen können, aber ohne Erfüllung?
Bei der Aufführung seiner 9. Sinfonie war er schon taub. Er saß dem Orchester zugewandt und hörte den tosenden Applaus nicht (erzählt man sich). Erst als der Dirigent ihn auf die Schulter tippte und ihn bat, sich umzudrehen, sah er sein Publikum, das ihn verehrte, hören konnte er es nicht mehr.

Was gibt es Schöneres für einen Mann?
Vor ein paar Jahren sah ich (auf arte?) einen Dokumentarfilm über einen deutschen Pornodarsteller, der in Paris lebte und »arbeitete«. Er habe den schönsten Beruf, den er sich vorstellen könne, sagte er in die Kamera. Die schönsten Frauen ficken dürfen, den ganzen Tag lang, und dafür auch noch gut bezahlt werden - was kann es Schöneres geben für einen Mann? Mit manchen der Frauen hatte er »nach der Arbeit« auch noch privat zu tun, auf angenehme Weise. Das Milieu der Pornoindustrie hat gewiss auch andere Seiten, für ihn aber war dieser Job genau das Richtige. Er konnte sich aussuchen, mit welcher Frau und wann er Sex haben wollte, weitgehend auch wie, und er wurde dafür gut bezahlt. Mit dem Geld sparte er sich eine Wohnung an in einem guten Viertel von Paris.

Wer hat es besser?
Wer von beiden hatte es besser? Vor die Wahl gestellt, wessen Leben würde ich führen wollen? Oder doch lieber mein eigenes?
Beethoven war Gott so nahe in seiner Musik. Er hat das Sehnen der Seele nach Erfüllung so gefühlvoll und in so vielen Varianten ausgedrückt wie vielleicht kein anderer. Aber er hat dabei gelitten. Will ich nur Konsument seiner Musik sein – oder habe ich die Größe, mich der Qual zu stellen und selbst so kreativ zu sein wie er?
Verglichen mit Beethoven hat der Pornokönig im Flachland gelebt. Er hatte die schönsten Frauen, ja, aber ... er kannte die Sehnsucht nicht. Erst eine so tiefe Sehnsucht wie die von Beethoven (in seiner Musik und seinem »Brief an eine unsterbliche Geliebte«) hätte solch eine Erfüllung, wie dieser Pornokönig sie da vor der Kamera (ebenfalls in vielen Varianten) körperlich zeigte, erst würdig inszeniert.

Vergleichen, weiter werden
Ich kann die Frage nicht beantworten, muss ich gestehen. Mit keinem der beiden würde ich tauschen wollen. Und mein eigenes Leben, stimme ich dem zu? Es ist doch eh mein eigenes, ich habe ja gar nicht die Wahl.
Der Vergleich mit den anderen aber erweitert mich. Mein eigenes Leben hat mir diese Frage geschenkt. Sie dehnt mich fantastisch aus in das Leben der anderen hinein. Sie weitet mich aus in Möglichkeiten hinein, die ich nicht selbst leben werde, die ich aber so sehnend, verstehend, doch erfassen kann.

Szenenwechsel ...
Szenenwechsel, Rollentausch, Verteilung der neuen Kostüme, jeder darf nochmal auf die Erde. Beethoven bekommt diesmal als Nebenjob eine Aufgabe als Pornodarsteller. Das wird ihn finanziell erleichtern und ihm dadurch mehr Freiheit geben in seinem musikalischen Schaffen, und es wird auch seine Musik verändern. Seien wir gespannt ...

»Deutschland sein«

(Anmerkung zur aktuellen
Pressekampagne)

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