Wolf Schneiders Webdiary
6.11.2005
Als Minderheit verspottet
Die Sieger bestimmen die Geschichtsbücher, und die Mehrheiten den Ton der Berichterstattung
Dreizehn Jahre lang, von 1977 bis 1990 war ich »Sannyasin«. Das hat mich in vieler Hinsicht geprägt. Eine davon ist: Ich traue den Medien nicht. Wie die Massenmedien damals über die Sannyasins berichtet haben, das war für uns Betroffene manchmal abscheulich, manchmal lächerlich, fast immer aber Lichtjahre weit weg von der erlebten Wirklichkeit. Wer so eine Berichterstattung über eine Minderheit, mit der die Mehrheit fremdelt, einmal am eigenen Leib und Geist als betroffener Insider erlebt hat, der kann den Massenmedien nicht mehr glauben. Die Naivität ist dahin, ein für alle Mal.
Fremdelnde Sieger
Die »Fremdelnden«, uns von außen Betrachtenden, hielten uns zum großen Teil für gehirngewaschen. Wir antworteten mit: Das seid ihr selbst! Der Protest einer Subkultur gegen den Mainstream, der mit der Arroganz der Mehrheit auftrat, »die Wirklichkeit« zu kennen und darüber die Darstellungshohheit beanspruchte.
Wir waren ja bloß eine Minderheit. Und so wie die Geschichtsschreibung immer die der Sieger ist, so ist die Berichterstattung in den Demokratien und Mediengesellschaften die der Mehrheit.
Die Mehrheit bestimmt
Wer hat »recht« bei solchen Ausgrenzungen, Vereinnahmungen, Fremd- und Selbstdefinitionen? Niemand oder alle. Ich sehe das heute eher konstruktivistisch: Die Wirklichkeit ist die Schnittmenge der nach außen projizierten Weltbilder eines miteinander kommunizierenden Kollektivs. Wer mit wem kommuniziert ist dabei entscheidend. Und dann, von mir aus, wir leben ja in einer Mehrheitsdemokratie: Welche dieser Schnittmengen die größte ist, die darf bestimmen.
Sie merken es nicht
Die Medien der Minderheiten sind in der Regel nicht viel besser als die der Mehrheiten – oft sind sie viel schlechter. Nur: Den Mitläufern der Mehrheit bleibt die Erfahrung erspart, auf dominante Weise fremddefiniert zu werden.
Amerikaner brauchen nirgendwo auf der Welt eine andere Sprache zu erlernen – ihre eigene ist unter den Gebildeten überall Kultur- und Kommunikationssprache. Insofern »merken sie gar nicht, dass sie Amerikaner sind«, sondern erliegen weitgehend dem Klischee: Menschsein = US-Amerikaner sein. Wer anders denkt, »kann man ja nicht mal die Sprache«.
Spötteln über die Ausgegrenzten
»Ja, wie war es denn wirklich, wenn nicht so, wie die Medien euch darstellten?« Die Erlebniswelten der dargestellten Sannyasins hatten viele Gemeinsamkeiten. Auch diese Sichtweise »von innen« zu bringen, wäre Aufgabe der Medien gewesen; das aber geschah nur selten. So wie auch heute nur selten über Esoteriker fair berichtet wird. Die Massenmedien bespötteln sie – während sie oft zugleich die von ihnen gesetzten Modetrends (etwa im Denken und Fühlen oder Anwenden von Therapien oder Wellnesspraktiken) übernehmen, aber dann »ernüchtert« und oft von ihrem Sinn entkleidet.
Dankbar für die Impfung
Oft war ich wütend, »so behandelt« und gesehen zu werden: als ein Jünger des Sex- oder Rolls-Royce-Gurus. Auch heute noch ärgert es mich, wenn die Medien auf Minderheiten herumhacken, ohne sie zu kennen, ohne gründliche Recherche. Oder wenn spirituelle und vor allem esoterische Themen nur mit spitzen Häme-Fingern angefasst werden: Hihi, da haben wir wieder einen, der an sowas (hähä) glaubt!
Andererseits bin ich auch dankbar für diese Erfahrung: Sie hat mich immunisiert gegen Big Brother. Nun bin ich geimpft, geprägt, ein für alle Mal. Ich bin nun nicht mehr zu kaufen, nicht so leicht jedenfalls. Ich weiß ja wie es ist, als Affe im Käfig bestaunt zu werden von den vorbeilaufenden Menschen, die denken, sie seien was Besseres, obwohl doch 98 % unserer Gene dieselben sind ;-)
Als Minderheit bestaunt
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98% unserer Gene
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