Wolf Schneiders Webdiary
9.11.2005
Kult
Sind wir nicht alle ein bisschen ...
Nichts Menschliches ist mir fremd. Vorgestern ist eine Freundin von mir abgeflogen. Ein Jahr lang wird sie weg sein, weit weg. Abschiede sind ja immer so ein kleiner Tod – und wer weiß, es kann ja tatsächlich das letzte Mal gewesen sein, dass man sich gesehen hat.
Eine Tasse als Kultgegenstand
Am Morgen nach unserer letzten Begegnung nahm ich die Tasse in die Hand, aus der sie den Tee getrunken hatte bei unserem Abschied, und auf einmal war mir diese Tasse heilig. Grad noch hatte ich über Reliquien gespottet, auf einmal war mir diese Tasse heilig. Da war es: Auch ich bin ein Fetischverehrer, auch ich habe meine Reliquien! Ich verehre den Papst nicht und keinen der katholischen Heiligen, und auch kein Eckzahn des Buddha in irgend einer Stupa bedeutet mir etwas, aber wenn eine Freundin geht, die ich geliebt habe, dann bin ich traurig, und ihre Tasse ist für mich ein Kultgegenstand.
Ich bin einer von ihnen
In dem Film über Martin Luther, den ich neulich sah, wurde nicht nur der Ablasshandel, sondern auch die Reliquienverehrung angeprangert, die damals ein großes Geschäft war. Luther wandte sich dagegen und pries das Leben im Geist von Jesus als das Gute – im Gegensatz zu dem Kult von Gegenständen. Nun bin also auch ich ein Verehrer von Gegenständen. Oh, die Tasse, die sie berührt hat mit ihren Lippen, der Boden, auf dem sie gegangen ist, der Stuhl, auf dem sie gesessen ist ... der Wahnsinn ist so nah!
Bloß Materie, bloß Geist
Wir Menschen sind doch alle gleich. Ich mag mich mit Luther, den Moslem und den Bilderstürmern gegen die Fetischverehrer wenden, es hilft nichts, an anderer Stelle bin ich selbst einer. Und auch sie haben den Geist der Formenfreiheit in sich, der sich löst von dem, was »bloß« Materie ist. Man kann es auch so betrachten: So wie das eine bloß Materie ist, so ist das andere bloß Geist. Wer wollte hier bestimmen, was größer, stärker oder wichtiger ist?
Irrational, aber gut für die Brutpflege
Schon das: Einen Menschen unter den vielen auszuwählen als Freund, Bezugsperson, Geliebten, überhaupt nur »Bekannten« ist ein irrationaler Akt. Jemand wiederzuerkennen ist Kult. Dass Tierkinder ihre Eltern wiederfinden und Eltern ihre Kinder, schon das ist Kult: die Identifikation einer Persönlichkeit. Aber es ist für die Brutpflege nötig, und es ist das, was eine Gesellschaft ausmacht: Kultur besteht aus vielen einzelnen Kulten, ohne Kult keine Kultur.
Sich lösen können vom Objekt
Ich habe die Tasse gespült, immerhin. Ich benutze sie jetzt wieder einigermaßen normal. Wenn sie jemand hier im Haus zerbräche würde ich keinen Krieg beginnen, ich bin ja noch bei Sinnen. Aber ich verstehe jetzt besser, warum Menschen Reliquien und Fetische verehren. Hingabe ist etwas sehr Schönes. Lieben und sich hingeben Können, an eine Tasse, einen Schuh, einen Eckzahn, ein Grabtuch – einen Menschen?
Wichtiger als das spezifische Objekt der Hingabe aber ist die Fähigkeit, sich von dem Objekt auch wieder lösen zu können.
Ich habe die Tasse
gespült - immerhin
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