Wolf Schneiders Webdiary
21.11.2005
Anthropomorphismen
Die Künste und die Religionen – alles Abbilder des Menschen
»Anthropomorphismus«, das sei in der Wissenschaft die größte aller Sünden, las ich kürzlich. Koalabären sind lieb, Spinnen grässlich, Tauben turteln miteinander, und der Hirsch ist der König der Bergwälder. Wir dichten den Tieren menschliche Eigenschaften an. In Wirklichkeit sind Schlangen nicht listiger als Kaninchen (die immerhin Haken schlagen) und Adler nicht stolzer als Hunde oder Delphine (vielleicht können überhaupt nur soziale Tiere so etwas wie »stolz« sein).
Du, Gott
Andererseits ist die Idee eines allumfassenden Gottes wohl der größte Anthropomorphismus, den es gibt. Und vielleicht ebenso sentimental wie der Ekel vor einem Wurm oder das Bedürfnis, einen dieser süßen Koalabären zu streicheln.
Zu wem betet ein Mensch denn? (Wenn er denn mal betet – ich jedenfalls tue das manchmal.) Zu dem »anderen«, dem Unbekannten, dem, was ich nicht bin, was mir nicht vertraut oder bekannt ist, was ich nicht fassen und mir nicht unterwerfen kann. So oft habe ich von Christen gehört, sie könnten mit der abstrakten, apersonalen Meditation des Buddhismus nicht viel anfangen, ihnen fehle dort der persönliche Ansprechpartner, das Du, das Gegenüber.
Ich und Du – beides sind Fiktionen
Wenn das Ich schon eine Illusion ist (wie die asiatischen Weisheitslehren behaupten), dann muss wohl auch das Du eine Illusion sein, das eine entspricht ja dem anderen.
Sich selbst als Persönlichkeit von einer gewissen Integrität zu sehen, hat aber durchaus was für sich. Praktische und ethische Gründe sprechen dafür. Dennoch: Sich selbst als Jemand zu betrachten, als ein Ganzes, genau genommen ist schon das eine anthropomorphe Fiktion. Diesen Haufen Fragmente, der »ich bin« als »einen« Menschen ansehen zu können, dazu gehört schon was. Was Integrierendes. Ebenso wie »das andere«, das da draußen als ein Du ansehen und ansprechen zu können. Rational ist das nicht. Aber im Gebet, da ist man nicht rational, da spricht man aus einem Gefühl heraus.
Poly- und Monotheismus
Die alten Religionen hatten viele Götter. Dann kamen die Monotheismen, die beanspruchten, einen Fortschritt darzustellen gegenüber den Religionen, die vor ihnen da waren, und so sehen sie sich überwiegend auch heute noch. Sie wollen alles vereinen in ihrem einen, einzigen Gott. Aber sie bekämpfen sich untereinander (insbesondere die Moslem, Christen und Juden tun das), was ja zeigt, dass der Anspruch dieser Einheit ihr Handeln nicht erreicht hat.
Heute mischen sich auf der Welt die transpersonalen Philosophien (Buddhismus, Taoismus) mit den monotheistischen, polytheistischen und pantheistischen – und die Weiseren unter der Gläubigen sehen, dass jede dieser Darstellungsformen irgendwie recht hat. Denn Motive oder Kräfte wie etwa Aggression/Krieg oder Liebe/Eros im Menschen und in der menschlichen Gesellschaft sind nicht schon dadurch verschwunden, dass die Menschen sich zum Monotheismus bekennen und Mars und Venus aus ihrem Pantheon vertreiben.
Und was die Obsoletheit des Animismus anbelangt: Ihren Glauben an die Geister auf dem Friedhof oder an Vampire oder Besessenheit verlieren sie ja nicht dadurch, dass sie bekennen »Es gibt keinen Gott außer Gott« (das Bekenntnis des Islam, des modernsten und monistischsten der Monotheismen). Auch im Islam gibt es Geister (die Dschinn), sogar im Koran werden sie genannt und ihre Existenz ernst genommen.
Aufwertung der Künste
Alle Theismen sind anthropomorph. Unsere Götter sind Projektionen unserer menschlichen Eigenschaften »nach draußen«, in den Himmel. Das griechische Theater und die griechischen Göttermythen unterscheiden sich kaum voneinander – beides ist Theater. Die Vorbilder findet man im Alltag hienieden.
Andererseits braucht, wer nicht versucht, streng wissenschaftlich zu sein, dieses Anthropomorphe auch nicht zu beschimpfen oder lächerlich zu machen. Theater und Dichtung, das ist ja nichts Schlechtes.
Alle Religion »nur« Inszenierung? Statt diese These als Entwertung der Religion anzusehen, kann man sie auch als Aufwertung des Theaters und der anderen Künste betrachten: Religion als höchste Kunstform des integrierten oder um Integration bemühten Menschen.
Dann dürfen die Götter auf dem Olymp durchaus anthropomorph sein. Und Gott darf spendable Brüste haben und einen Leib, aus dem unerschöpflich neues Leben entspringt.
Zu wem betet ein Mensch
denn? Zu einer Gestalt, die
er sich selbst geschaffen hat.
Der gibt er sich dann hin.
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