Wolf Schneiders Webdiary
27.11.2005
Ein Buch soll entstehen
aus Fragmenten
Heute ging wieder ein Schreibkurs zuende, diesmal zum Schwerpunkt »Beruf und Berufung«. Am Ende geben wir uns immer rundum Feedback, uns selbst und den anderen und auch Deklarationen wie: In Zukunft mache ich .... mein Buch fertig, reiche es ein, schreibe täglich, beginne eine Ausbildung, ziehe um nach Xxx oder Derartiges. Denn Deklarationen in einer sympathisierenden Grupppe stärken den Willen und fördern den Mut, ein Projekt zu verwirklichen, das man erst nur für sich allein beschlossen hat.
Coach yourself
Für mich war in diesem Kurs neu, dass ich mehr Vortragender war und weniger bloß Anregender zu eigenen Erfahrungen. Mehr Lehrer. Sogar Frontalunterricht war dabei. Und was ich anderen an Rat gebe zur Verwirklichung ihrer Schreib- und Lebensprojekte, das kann ich wohl auch mir selbst geben, zum Beispiel mein Blog betreffend: Ich will daraus nun das seit langem gehegte und schon vielfach vorbereitete Buch über Sprache machen. Nicht mehr nur täglich im Blog »irgendwas« schreiben, was mir halt grad so einfällt, sondern mich ausrichten auf das Buch über Sprache.
Berichte aus der Werkstatt
Um dabei spontan bleiben zu dürfen und nicht bloß straff einer Struktur folgen zu müssen, möchte ich dabei auch beschreiben, wie es mir geht mit diesem Buchprojekt. Wie ich mich und mein Material ordne, wie ich beim Schreiben zu neuen Erkenntnissen gelange, die zu Überarbeitungen führen. Euch dabei mitteilen, ob ich mehr dem folge, wohin mich das Schreiben treiben will oder mehr eine vorher entworfene Struktur fülle. Das heißt, ich will nicht nur die Partikel zeigen, die sich nachher zu einem ganzen Buch fügen sollen, sondern auch berichten aus der Werkstatt des Schaffenden.
»Unmenschliche« Werke
Sind Fragmente leichter lesbar als ein ganzes, gut aufgebautes Werk? Manchmal waren für mich als Leser fragmentarische Werke leichter zu verstehen. Das »Handwerk des Lebens« von Cesare Pavese habe ich gerne gelesen und auch die »Philosophischen Untersuchungen« von Ludwig Wittgenstein. Beides sind fragmentarische Werke. »Das Kapital« von Marx habe ich nie geschafft, hab es nach jedem Leseversuch immer wieder zurückgelegt, während ich die überlieferten Fragmente von Marx immer gern gelesen habe, ich fand ihn darin viel menschlicher und verständlicher. Auch die »Kritik der reinen Vernunft« von Kant habe ich nur ansatzweise gelesen, obwohl sie doch eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Wissenschaftstheorie ist. Sie ist zu sehr Werk, zu wenig menschlich. Der Mensch, wie er wirklich lebt und denkt, ist fragmentarisch. Wenn er ein »Werk« produziert, muss das auch didaktisch ein Meisterstück sein, sonst können selbst die Lorbeerkränze einer kleinen Gemeinde von Verehrern manchmal nicht verhindern, dass es ungelesen veraltet.
Der Charme des Unperfekten
Trotzdem: »Mein Buch« soll ein Ganzes werden, logisch aufgebaut und gut verständlich. Aber es wird aus Fragmenten gebaut, und dabei möchte ich mir zusehen lassen. Dann könnte ihr ja entscheiden, ob ihr lieber die Fragmente lest oder dann das (fehlerbereinigte) Ganze.
Auch bei Malern geht es mir manchmal so, dass mich die Bleistiftskizzen (etwa von Leonardo da Vinci) zu einem großen Gemälde mehr berühren als das fertige Werk. Sie haben den Charme des Entstehenden, noch Unperfekten. Das »Fertige« kann durchaus langweilen.
Manchmal ist das junge,
Unperfekte viel charmanter
als das fertige Ganze
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