Wolf Schneiders Webdiary
12.12.2005
Ökumene
Wer gehört mit »zu uns«?
Wenn Christen über Ökumene reden, dann von der »kleinen« oder der »großen« Ökumene. Mit kleiner Ökumene meinen sie die Einheit zwischen Katholiken und Protestanten, mit der großen eine, die auch die Ostkirche einbezieht. Nicht einmal Protestanten und Katholiken feiern das ihnen (nach Selbstauskunft) wichtigste Ritual, das Abendmahl, gemeinsam. Sie können sich einfach nicht auf eine gemeinsame Form einigen. Ebenso bei Hochzeiten, Begräbnissen, Taufen, im schulischen Religionsunterricht und bei ihrem religiösen Personal, den Pfarrern und Priestern, überall trennen sie feine Unterschiede, die ein nicht theologisch gebildeter Mensch kaum versteht.
Wer gehört mit dazu?
Seltsam. Dabei müsste die große Ökumene doch eigentlich eine sein, die Juden, Christen und Moslems vereint. Sie gehen ja auseinander hervor, sie sind Großvater, Vater und Enkel derselben religiösen Richtung und haben als fernere Verwandte auch noch die Bahai und Sikhs und innerhalb der Familie viele, viele Kinder oder Cousins: Mormonen, Zeugen Jehovas, Baptisten, Kopten, Sunniten, Schiiten und Aleviten. Aber nicht einmal innerhalb des westlichen Christentums (katholisch und protestantisch) können sich diese Leute einigen!
Dabei müsste eine wirkliche Ökumene (von griech. oikein, bewohnen, bewirtschaften, bedeutet das Wort: die gesamte bewohnte oder bewirtschaftete Erde einbeziehend) alle Menschen einbeziehen. Oder wenigstens alle religiösen Richtungen, auch die asiatischen, indianischen und afrikanischen und den Atheismus und Agnostizismus. Das wäre eine echte »große Ökumene«. Aber davon sind wir noch generationenweit entfernt, solange nicht einmal ein so ein simples Ritual wie das Abendmahl von Protestanten und Katholiken gemeinsam gefeiert werden kann.
Inmitten des Christentums ein hochesoterisches Ritual
Dabei ist das Abendmahl ein esoterisches Ritual, das mit der Botschaft Christi im engeren Sinn kaum etwas zu tun hat. Es holt aus der Botschaft Christi nur den Opferaspekt heraus, und wer den für zentral hält, ist eh für eine tiefere Religiosität verloren. »Esoterik« wird ja sonst von den Kirchen abgelehnt, aber inmitten der beiden Großkirchen gibt es dieses hochesoterische Ritual, das Abendmahl, in dem gesagt wird, die Hostie und der Wein seien tatsächlich Christi Leib und Blut (Kinder vor der Kommunion dürfen noch nicht am Abendmahl teilnehmen, weil für sie die Hostie noch einfach eine Hostie sei, heißt es im Katholizismus!). Ausgerechnet esoterische Gründe sind es, die in dieser Lehre der »Transsubstantion« (so nennen Theologen die vermeintliche Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut ihres Erlösers), die beiden großen Konfessionen unterscheiden.
Übrigens: Wer das Wesen von Sprache versteht, der versteht auch die Esoterik dieses Rituals. Kaths und Prots unterscheiden sich hier nur ein bisschen in der (Naivität der) Bedeutungszuweisung, das ist alles. IST dieser Wein Jesu Blut, oder bedeutet er das nur?
Kleinliches, sektiererisches Denken
prägt fast alle großen religiösen
Richtungen, jedenfalls die westlichen.
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