Wolf Schneiders Webdiary
13.12.2005
Licht und Dunkelheit
Und der Sinn von Kritik, die für eine bessere Welt kämpft
»Ist es nicht sinnvoller, das Licht anzuknipsen, anstatt ständig zu jammern, dass es bei uns so dunkel ist?« schrieb Richard Neubersch vor zwei Wochen ins Forum dieses Blogs. Meine Texte sind ihm oft zu klagend. Er hält es für sinnvoller, konstruktiv nach vorne zu denken als anzuklagen und möchte wissen, was ich hierzu denke.
ein kleines Licht in großer Dunkelheit
Ganz sicher ist es sinnvoller, das Licht anzuknipsen als über Dunkelheit zu klagen. Fast genau dieser Spruch hängt seit vier Jahren an meiner Küchentür: »Zünde lieber ein kleines Licht an als über große Dunkelheit zu klagen«. Und ganz sicher ist es gut, konstruktiv nach vorne zu schauen. Darin sind wir uns einig.
Was ich mich allerdings frage ist, ob das, was ich schreibe, nicht auch dann Licht in die Dunkelheit bringt, wenn es anklagend ist. Auch eine Anklage kann konstruktiv sein. Die Frage ist wohl immer die der Dosierung. Immer nur zu klagen macht depressiv; so kann man nicht aufbauen, sondern wird zum Teil des Problems, das man doch abschaffen wollte.
Karl Kraus und Kurt Tucholsky
Karl Kraus fällt mir dazu ein, der in seiner Zeitschrift »Fackel« auf grandiose Weise die damalige Gesellschaft angriff und die Tendenzen, die dann in den ersten Weltkrieg führten. Seine Angriffe waren genau und fair, für seine Gegner aber ziemlich ätzend. Sie konnten die Katastrophe nicht verhindern, auch wenn sie vielleicht ein paar tausend Leuten die Augen öffneten.
Oder Kurt Tucholsky, dieser Bonvivant, der dennoch mit scharfer Feder die angriff, die in Deutschland der Nazizeit den Boden bereiteten. Als dann Hitler an der Regierung war, emigrierte er nach Schweden und verstummte dort – anscheinend nicht aus Angst, auch dort gefasst zu werden (so wie sein Freund und Mitstreiter Carl von Ossietzky, der in Deutschland geblieben war), sondern weil er einfach nicht mehr daran glaubte, DEM etwas entgegen setzen zu können, mit nichts als den Waffen, mit denen er zeitlebens gekämpft hatte: Geist, Witz, Worte.
Ist Trauer die Bedingung von Freude?
Richard Neubersch spürt, dass auch in mir eine freudvolle Seele wohnt, schreibt er. Wie recht er damit hat! Eine Seele, die »längst weiß, dass es das Dunkle geben muss, damit das Licht als solches wahrgenommen werden kann«. Hmmm ... die alte Kontrast-Hypothese. Kann schon sein, dass das Licht nur im Kontrast zu dem Dunklen wahrgenommen werden kann, die Freude nur im Gegensatz zu Trauer oder Betrübtheit. Dennoch hätte ich lieber durchgehend Freude und wünsche das auch allen anderen. Würde ich sie dann noch wahrnehmen? Lieber bin ich ständig in Freude, als teils in Trauer, nur um die dann reduzierte Freude besser wahrnehmen zu können. So hoch will ich das Bewusstsein dann noch nicht bewerten, dass ich dafür einen so großen Teile der Freude opfern würde. Nicht willentlich jedenfalls. Die Trauer kommt schon von selbst und mit ihr das Bewusstsein, darum brauche ich mir keine Sorgen zu machen, es ist ja alles vergänglich.
Jahreszeiten, Kinder, Frauen ...
Jetzt im Winter sehe ich die Meisen im Schnee, wie sie über die kahlen Zweige turnen und dabei so ziepen wie nur Meisen ziepen können – ich liebe sie; spätestens seit sie mich Zwölfjährigen damals (in jenem Wald vor München-Pasing) vor der Hoffnungslosigkeit bewahrten. Und auch das Glitzern des Schnees und die kalte, klare Winterluft. Das rot flackernde Feuer im Ofen. Die Jahreszeiten. Ja, auch die Dunkelheit, ich fühle mich darin so geborgen. Dann das Warten auf den Frühling, die Vogelstimmen im Mai. Die Blätter, wie sie Ende April überall hervorschießen, alles wird grün, üppig grün. Das Moos im Wald, dort liege ich so gerne auf dem Boden, rieche daran, schließe die Augen und höre den Wind durch die Blätter rauschen.
Ich liebe Kinder, ihr Lachen, ihre Unschuld, Freiheit, Frechheit, Beweglichkeit, ihre Neugier. Ich liebe Frauen, finde sie so unendlich schön, immer wieder, sie sehen, hören, berühren – und das hört nicht einfach auf, weil ich älter werde und schon so viele Frauen genossen habe, es bleibt immer frisch und faszinierend. Tiere, Pflanzen, Kinder, Frauen, das Meer, die Berge, Bücher, Filme, Bilder, Musik ... so oft schon war ich hin- und hergerissen zwischen diesen zwei Gefühlen: Ja, es darf jetzt enden, es ist genug! Ich habe das Höchste genossen, was menschenmöglich ist, jetzt kann ich mich verabschieden. Dies erleben und sterben! Und dem anderen: Nein, bitte nicht, lass mich nicht schon jetzt gehen, es gibt noch so viel Unerforschtes, Unerlebtes, das auf mich wartet! Beide Gefühle sind sehr real für mich.
Ja, ich bin lebenslustig. Ich weiß es wirklich zu schätzen, in einem Körper zu sein und dies auskosten zu dürfen, ein paar Jahrzehnte lang. Ich bin kein Misanthrop und kein Verächter des Irdischen. Wenn ich kritisiere, dann, weil ich weiß, dass es auch anders und besser sein könnte. Ganz ähnlich wie bei Karl Kraus und Kurt Tucholsky, bei denen ich auch in der ätzendsten Kritik (»Soldaten sind Mörder« ist einer der Sätze, mit denen Tucholsky seiner Wut auf das Militär Luft machte; Kraus war sogar noch weniger zimperlich) noch die Liebe zum Leben spüre.
Jetzt ist fast Mitternacht und ich muss meinen Blogeintrag abschicken. Ich liebe es auch zu schreiben, auch das: aufzuzeichnen, was ich erlebe. Morgen ist wieder der 14. Dezember, Geburtstag, mein 53. Ganz schön lange schon bin ich hier, und es geht immer noch weiter. Es ist Nacht, und ich bin allein. Gehe ganz allein hinüber in diesen Geburtstag. Mit schmerzenden Schultern von der vielen Arbeit, auch das, aber voller Lebenslust. Ja, es lohnt sich. Wer oder was auch immer mir dieses Leben geschenkt hat: danke! Ich schätze es und werde mich erst dann verabschieden, wenn dies von allein von mir geht.
Dies erleben und sterben!
Nein, bitte nicht ...
+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1134514710

