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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

23.12.2005

Marktwirtschaft

Auch als Autor agiert man auf einem Markt – oder ist verloren

Auch als Autor befinde ich mich auf einem Markt. Ich kann nicht einfach schreiben, was mir einfällt, jedenfalls dann nicht, wenn ich vom Schreiben leben will. Ich kann nicht einfach veröffentlichen, was ich zu sagen weiß, weil ich es verstanden habe, auch wenn ich meine Sache gut recherchiert habe und auch dann nicht, wenn ich weiß, dass die Leser genau das wissen wollen, denn ich befinde mich auch als Autor auf einem Markt, und der hat seine eigenen Gesetze.

Bekannt werden
Eines davon besagt: Erst müssen die Leser mich als Experten zu dem Thema wahrnehmen, zu dem ich schreiben will, sonst lesen sie meine Texte nicht – es gibt ja genug andere Texte, die sie lesen können, die Konkurrenz ist groß. Dann lesen sie eben die von einem, bei dem sie Grund haben zu glauben, er oder sie sei darin Experte.
Wie aber wird man Experte? Man muss als Autor zu einem Markenartikel werden. Das macht man, indem sich von anderen Experten (oder Prominenten) als Experte anpreisen lässt, die sogenannte »Autorisierung«. Anschließend muss man für sich werben, und zwar nicht irgendwo, sondern in der anvisierten Zielgruppe. Aber selbst dort ist Werbung für einen Autoren ohne Startkapital kaum bezahlbar und jedenfalls meist nicht rentabel. Wie kann man trotzdem bekannt werden und Expertenstatus erreichen? Indem man immer über dasselbe schreibt, egal ob es einem allmählich zum Hals raushängt oder nicht. Joachim Ernst Berendt hat das getan, bis er schließlich »Papst des Hörens« genannt wurde – das nur mal als Beispiel, tausend andere haben das in ähnlicher Weise getan.
Um ohne großes Werbekapital oder das Glück einer unverhofften (und oft unverdienten) Autorisierung von einem Prominenten muss man in einer ganz kleinen Nische beginnen bekannt zu werden, in einer Nische, die noch relativ leicht zu erobern ist. Dort erwirbt man sich einen guten Namen – ein schlechter geht auch, das ist immer noch besser als gar nicht bekannt zu sein, aber besser ist ein guter Name – und versucht dann allmählich einen immer größeren Leserkreis zu bekommen, je nachdem wieviel Zeit oder Geld man dafür hat. Glück hilft auch ein bisschen, ebenso historische Zufälle.

Treue zur Kernzielgruppe
Dabei muss man aber seiner Kernnische treu bleiben, sonst ist diese Ausweitung der Bekanntheit jedesmal ein Neuanfang. Eine berufliche Karriere erst als Schreiner beginnen, dann als Unix-Programmierer weitermachen, dann sich als Experte für Direktmarketing positionieren und schließlich die Prüfung zum Tauchlehrer machen, alles das im Rhythmus von zwei Jahren, das ist zwar sehr abwechslungsreich, führt aber nicht zu einem Markterfolg. Unix-Programmierung und Direktmarketing Fachwissen helfen einem als Tauchlehrer eben nur wenig, jedenfalls denkt die Zielgruppe so. Dass dabei die Lebenserfahrung zunimmt und man sowas wie etwa die 80:20 Regel von einem Gebiet ins andere mit übernehmen kann, das nimmt einem ja keiner ab.
Wenn ich nun als Autor ein erfolgreiches Tantrabuch geschrieben habe (das ist bei mir der Fall), dann könnte ich leicht weitere Tantra-Bücher schreiben, jeder wird glauben, dass ich das kann. Sollte ich nun aber über Buddhismus schreiben, für mich wäre das nahe liegend, ist das für die Zielgruppe schon zu weit weg vom ursprünglichen Thema. Also: Hände weg davon, jedenfalls aus Marktgesichtspunkten. Oder über Sprache – noch viel weiter weg, das traut mir keiner zu. Selbst wenn ich mich dort viel besser auskennen sollte als im Tantra, traut mir kein Leser das zu, denn ich bin doch ein Tantrabuchautor, kein Sprachbuchautor. Als Sprachbuchautor müsste ich wieder von Null anfangen.

Einmal drin, immer drin
Erica Jong beklagte sich in einem Spiegel-Interview einmal darüber, dass sie als Autorin von »Angst vorm Fliegen« immer als »die Frau mit dem Spontanfick« festgelegt war. Das war ihr Label. Andere (Autoren)Rollen traute man ihr nicht zu. Viele Jahre lang versuchte sie, von dieser Festlegung wegzukommen, ohne Erfolg. Einmal in der Schublade, immer in der Schublade. Erst als sie diese Etikettierung akzeptiert hatte, besserte sich die Situation ein bisschen, sie konnte darüber lachen, begann damit zu spielen und auf spielerische Weise auch andere Seiten von sich zu zeigen.

Religionen und ihre Ketzer
Der Markt hat's gegeben, der Markt hat's genommen, gelobt sei der Markt. Besser man akzeptiert, dass das heute die herrschende Religion ist, sonst wird man schnell zum Außenseiter oder gar zum Ketzer – und Ketzern geht es überall schlecht. Besser man widerruft, wenn die Inquisition kommt, Widerstand bringt doch nichts. Selbst wenn man ihn durchzieht, so wie Luther, zettelt man vielleicht eine Reformation an mit darauf folgenden Religionskriegen – in Deutschland hat das etwa einem Drittel der Bevölkerung das Leben gekostet, ungefähr so viel wie bei der Pest drei Jahrhunderte zuvor – nein danke, ich will den Menschen doch Glück bringen und nicht Elend.
Also: Ich widerrufe! Was ich gerade über das sich Vermarkten als Autor gesagt habe, ist ein Irrtum. Tut mir leid, irren ist menschlich. Ich bin doch nicht blöd. Das heißt, in gewisser Hinsicht .... schhhhhhhh, Löschtaste.

Die Frau mit dem Spontanfick
und der Tantrabuchautor
müssen sich denselben
Gesetzen fügen

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