Wolf Schneiders Webdiary
28.12.2005
»Ganz und gar durchleuchtet«
Der Trend zum Diksha und die Abnützung der Worte
Heute lese ich im Hamburger regionalen Szenemagazin KGS (Körper, Geist, Seele) unter »kurz&bunt« die Überschrift »Erleuchtung leicht gemacht«. Es ist da die Rede von den Diksha-Seminaren von Kiara Windrider und Christian Opitz, die nach der von Sri Kalki Bhagavan propagierten Methode per ein, zwei Minuten Handauflegen beim Empfangenden »vollständige innere Transformation« bewirken wollen. Das wird hier so beschrieben: »Kiara legte seine Hände auf meinen Kopf. Es war ein kühles und warmes Erschauern. Ich erlebte ein Gefühl von In-der-Ewigkeit-Sein ohne Trennung zu meinem höheren Selbst, ganz und gar durchleuchtet.«
Verhöhnung von der falschen Seite
Das ist nun sehr leicht zu verspotten. Im ersten Moment dachte ich tatsächlich, diese Leute können das nicht ernst meinen, und wenn doch, dann muss da irgendwas dahinter stecken, dass sie sich hier, in dieser Ankündigung, so bereitwillig der Verhöhnung aussetzen. Wie beim »Beifall von der falschen Seite« gibt es ja auch eine Verhöhnung von der falschen Seite: von denen, die von Spiritualität gar nichts wissen wollen und die solche Ankündigungen zum Beweis nehmen, dass die Szene völlig durchgeknallt ist.
Ich fange deshalb erstmal bei dem guten Kern dieser Methode an: Erleuchtung kann man als etwas verstehen, das schon da ist. Wir brauchen keine Anstrengung, um es zu erreichen. Es ist Gnade. Je mehr man danach strebt, umso mehr verscheucht man es. Kann man so sagen. Jedenfalls ist an der These »Es ist schon da« mehr dran als nur ein Körnchen Wahrheit.
Jenseits von Gut und Böse
Andererseits verhöhnt so ein Text natürlich selbst alle, die sich strebsam bemühen – nicht nur Erleuchtung zu erreichen, das wäre ja noch einigermaßen witzig (wie in dem Film von Doris Dörries »Erleuchtung garantiert« so wunderbar durchgeführt), sondern auch alle, die versuchen, irgend etwas richtig zu machen. Wer Diksha gibt und empfängt ist jenseits von Gut und Böse. Das steht hier nicht direkt im zitierten Text, aber sehr viele der Diksha-Praktizierenden sehen das so, das weiß ich, weil ich mit vielen von ihnen zu tun hatte. Ein bisschen Erschauern und ein Gefühl von In-der-Ewigkeit-Sein, und die Erleuchtung ist perkekt – eben ganz »leicht gemacht«.
Das fühlt sich doch gut an!
Ich habe selbst einmal auf Einladung an so einer Diksha-Übertragung teilgenommen, bekam die Hände aufgelegt und fühlte mich wohl dabei. Allerdings kein bisschen mehr oder weniger wohl als vorher. Ich war schwer beeindruckt, wie das inszeniert wird und wie der Typ da ab und zu ins Zittern geriet – oder ein solches mimte – und fragte mich, ob ich das auch zustande brächte. Ich denke ja. Von meinem Gewissen mal abgesehen. Aber um dieses nicht all zu früh »moralisierend« ins Spiel zu bringen, versuche ich jetzt mal, das Ganze eher nüchtern zu betrachten, aus der Perspektive des Sprachforschers.
Nur der Buddha hat es
Für mich als buddhistischer Mönch (aber auch für viele andere, auch Nicht-Buddhisten) war »Erleuchtung« einmal ein Begriff, der die höchste Kulmination menschlicher Reife, Freiheit und Weisheit beinhaltete. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass jemand außerhalb des historischen Gautama Buddha das je erreicht hatte, und selbst bei ihm dachte ich, dass da durchaus auch ein bisschen nachträgliche Beschönigung in der Überlieferung eine Rolle gespielt haben könnte. Macht ja nichts. Der Typ hat uns trotzdem großartige Weisheiten hinterlassen.
Es sind ja nur Worte
Heute wird der Begriff »Erleuchtung« einfach anders verwendet. Die ersten Menschen entrissen das Feuer einem vom Blitz getroffenen Baum. Heute schmückt man das ganze Haus zu Weihnachten mit Lichterketten und achtet dabei allenfalls noch auf Stromrechnung und Brandgefahr. Einmal Händeauflegen, und ich fühle mich durchleuchtet. Warum nicht? Ich fühle das auch, wenn ich meine Katze streichle, meiner Freundin einen Kuss gebe oder mich in der Badewanne wohlig ausstrecke. Und schließlich ist das ja auch nur eine Übersetzung: »Nirvana« bedeutet wörtlich eher »Verlöschen«, und wenn Sri Kalki Bhagavan »Enlightenment« sagt, ist das das englische Wort, das man auf Deutsch auch mit »Aufklärung« übersetzt. Dem füge ich das Verlöschen meiner Vorbehalte gegen »falsche« Begriffsverwendung hinzu, und schon bin ich wieder zufrieden, will sagen: ganz bei mir.
Erleuchtungsanschluss
Ach, es ließen sich so viele Geschichten erzählen! Menschen, die durch- und erleuchtet waren oder es noch sind oder erst noch werden wollen oder einst waren und es nun wieder vergessen haben oder es gar nicht mehr werden wollen.
Vor acht Jahren hatten wir hier im Haus, in unseren großen Gastraum, ein Internet-Café. Da hatte noch keiner im Dorf Internet-Anschluss, und die Leute kamen hierher zum Surfen. Heute haben gutmöglich über die Hälfte der Dorfbewohner Internet im eigenen Haus oder an ihrer Arbeitsstelle, andernfalls kann man zum Nachbar gehen oder zu Freunden. Fernsehanschluss haben fast 100 % der Deutschen. Erleuchtungsanschluss wohl auch bald, wenn die Diksha-Übertrager so weitermachen, wie sie in den letzten Monaten angefangen haben.
Verkaufen, benutzen, entsorgen
Macht ja nichts, ich habe doch nichts gegen Erleuchtung, und es sind auch überwiegend friedliche und wohlmeinende Menschen, die das tun und propagieren. Aber damit sind wir noch kein bisschen weiter. Was dann noch immer fehlt sind Weisheit, Reife und ein wirkliches Verstehen von sich selbst und der Welt. Womit ich jetzt aber nicht sagen will: Erleuchtung ist nichts, Weisheit ist alles! Dann würde als nächstes doch nur das Wort »Weisheit« benutzt – und abgenutzt wie ein Konsumartikel. Das kann man dann irgendwann bei Aldi oder Lidl in der Wühlkiste »Alles für ein Euro« finden, so wie heute dort schon den Weisheitstee – und was nicht mal für einen Euro weggeht, das wird entsorgt.
Die Aldisierung
Worte haben ihre Konjunkturzyklen. Sie werden erfunden, benutzt und verbraucht. Brot, Erde, Wasser, ein paar der alten Worte sind davon bisher noch verschont worden, sie sind noch brauchbar. Man hat mit ihnen noch nicht so richtig ein Geschäft machen können. Kann aber noch kommen.
Kein Wort ist vor dieser Gesellschaft sicher, vor dem Markt und der Verbrauchsmentalität! »Gott« hat es längst erwischt, dagegen protestierten einige schon vor mehr als zweit tausend Jahren (im Alten Testament heißt es, man solle das Wort Jahwe nicht unnütz verwenden). Erleuchtung gibt es nun per Diksha. HiFi (das war mal »high fidelity«) als Zugabe für ein Abo oder für 9.99 in der Mitnahmekiste, sowas repariert keiner mehr, das lohnt sich nicht.
Soziologen nennen das die Aldisierung der Gesellschaft. Die Sprache ist längst aldisiert. Nur noch Nostalgiker wollen ein Wort wie »Erleuchtung« schützen.
Alles hat ein Ende. Auch
der tiefe Sinn von Worten,
das man einst gern benutzte
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