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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.1.2006

Geist, Sex, Geld

Von großen Geistern, die man zugleich auslachen und verehren möchte

Silvesterparty. Ein alter Freund von mir kommt und hat viel zu erzählen. Er ist gerade in Scheidung, das ist für ihn bitter, aber er hat dabei das Lachen nicht verlernt, und so erzählt er witzige Geschichten, teils so schamlos, wie man es eher in Lebensphasen kann, in denen man sich von Geliebtem verabschieden muss.
Er ist Therapeut, und einer seiner Klienten empfahl ihm, zu Om C. Parkin ins Satsang zu gehen. Dort sah er Om auf der Bühne sitzen auf seinem Sofa – Om sitzt immer auf einem Sofa, Stühle mag er nicht – und hörte ihn reden, war aber unbeeindruckt. Als die Veranstaltung vorüber war, ging Om raus, hinter ihm eine Blondine, wahrscheinlich seine Freundin (vermutete der Zuschauer), dann der Typ, der kassiert hatte, die Kasse vor sich hertragend. Einer nach dem anderen, wie in einer Prozession: Geist, Sex, Geld, in dieser Reihenfolge.
Ich empfahl meinem nun geschiedenen und ein bisschen verbitterten Freund, es doch mal mit Kabarett zu versuchen. Er ist nun seit mehr als 30 Jahren Therapeut, da bekommt man so einiges mit, und manches kann man leichter verkraften, wenn man darüber nicht nur weinen, sondern auch lachen kann.

Dichter und Denker
Seine Erzählungen erinnerten mich an das »Lexikon der verrückten Dichter und Denker – berühmte Dichterfürsten und Geistesgrößen, wie sie keiner kennt« von Michael Korth (2003 bei Eichborn erschienen), das mir ein anderer Freund, Claus Peter Hant, vor einiger Zeit geschenkt hatte. Ein wunderbares Buch, zur Zeit meine Lieblingslektüre. Es fasst Dichter, Philosophen und Wissenschaftler in eins zusammen, nennt sie schlicht »Dichter und Denker« und zeigt sie mit ihren unzähligen Macken und Spleens, sympathisierend, aber schonungslos, was ihre Schwächen und ihr Scheitern anbelangt.

Sonderlinge
»Dichter sind die geborenen Verbrecher, nur ohne die nötige Courage« (Arthur Schnitzler), so beginnt das Vorwort und zitiert dann das Brockhaus-Lexikon von 1887: »Chronisch Verrückte können jahrzehntelang ihrer Umgebung als geistesgesund erscheinen oder höchstens als Sonderlinge, weil der Wahn häufig lange Zeit geheim gehalten wird und Verwirrtheit, leidenschaftliche Ausbrüche nicht notwendig mit demselben einhergehen. Die Kranken sind oft im Stande, mit scheinbar durchaus normaler Logik ihre verrückten Ideen zu verteidigen und ... vernünftig zu handeln.«

»Gott ist Geist«
Noch nie habe er mit solcher Begeisterung ein Buch geschrieben, verrät Michael Korth in seinem Vorwort, und diese Begeisterung überträgt sich auf den Leser (jedenfalls auf mich). »Gott ist Geist. Und seine Geister sind die Dichter« (Klabund), und die stellt er in diesem Buch auf eine Weise vor, dass man sie zugleich auslachen und verehren möchte. Korth findet es »logisch, dass diese Menschen, die tief in die Phantasiewelten eindringen und dort ihre Tage und Nächte durchbringen, sich eher selten in der sogenannten Realität aufhalten« und nennt gleich ein paar dieser Größen im einzelnen: »Proust liegt fast nur im Bett; Diogenes ist Besitz so lästig, dass er in einer Tonne wohnt; Buddha, Erbe eines Fürstentums, wird Bettler, um frei sein zu können; George Simenon braucht zur Inspiration den Sexrausch und treibt es mit 10.000 Frauen; die heilige Katharina beschwört in ihrer Phantasie Jesus in ihre Zelle herab, feiert mit ihm die Hochzeitsnacht und bekommt als Ehering seine Vorhaut; Pascal fühlt sich erst dann richtig glücklich, wenn er physisch krankt ist«.

Verlust an Genauigkeit, Gewinn an Wirkung
Was für eine Zusammenschau! So oft habe ich erlebt, dass Wissenschaftler sich nicht mit Dichtung oder Religion befassen wollten (umgekehrt ebenso), denn das hielten sie für unwissenschaftlich. Dabei ist in Sprache gefasste Wissenschaft auch immer eine Art Dichtung, wie etwa bei Sigmund Freud oder Wilhelm von Humboldt. Betrand Russel bekam den Literaturnobelpreis und wunderte sich darüber, denn er sah sich vor allem als wissenschaftlicher Philosoph. Die meisten religiösen Menschen sind entrüstet, wenn man ihre heiligen Schriften als Dichtung bezeichnet, denn sie seien doch von Gott, nicht von Menschen!
Ist das überhaupt wahr, was Dichter schreiben? Macaulay fragt sich, »ob nicht die besten Geschichtswerke die sind, in denen ein wenig von der Übertreibung der dichterischen Erzählung einsichtsvoll angewendet ist. Das bedeutet einen kleinen Verlust an Genauigkeit, aber einen großen Gewinn an Wirkung.«

»Sonderlinge...sind oft im Stande,
mit scheinbar durchaus normaler
Logik ihre verrückten Ideen
zu verteidigen«
Brockhaus-Lexikon 1887

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