Wolf Schneiders Webdiary
1.2.2006
Zeit des Lebens
Womit wir unsere Stunden und Tage so verbringen
Was tut ein Mensch, der einfach so dasitzt und nicht redet. Er denkt. Was denkt er denn? Er spricht mit sich selbst. Vergangenes wird rekapituliert, Zukünftiges vorweg genommen; Bilder der Erinnerung tauchen auf und Bilder der Fantasie. Fast immer redet der Mensch dabei auch innerlich mit sich selbst, vorwurfsvoll oder tröstlich, anklagend, stolz, wütend, selbstmitleidig oder liebevoll. Manchmal ist er dabei ehrlich und wahrhaftig mit sich, manchmal nicht.
Es geht so dahin ...
Was genau ein Mensch dabei mit sich macht, erkennt er in der Regel nicht, es geht einfach so dahin. Die Gedanken kommen, und sie gehen wieder, ebenso die sie begleitenden Gefühle und Bilder. Es ist ein wildes Durcheinander, »un casino« (sagen die Italiener), und damit verbringen wir einen Großteil unseres Lebens: Tagträume und Selbstgespräche.
Wer einiges davon aussprechen oder aufschreiben kann, bringt damit Klarheit in sein Leben. Julia Cameron empfiehlt das in »Der Weg des Künstlers«: Schreib jeden Morgen auf, was dir gerade durch den Kopf geht. Das bringt ein bisschen Klarheit in dein Leben. Wenn man versteht, was man dabei tut, ist diese Klarheit noch größer.
Aussprechen und aufschreiben hilft
Aussprechen – noch mehr: aufschreiben – bringt solche Klarheit. Erkennen was man tut. Wenn du im Selbstgespräch dich anklagst oder selbstmitleidig bist: Erkenne, dass du da tust! Erstmal erkennen. Nicht gleich wieder sich anklagen, weil man entdeckt hast, dass man sich anklagt, sondern erstmal nur erkennen. Aussprechen, aufschreiben, erkennen, das hilft. Das so Erkannte in einen sinnvollen Kontext zu bringen passiert dann fast von selbst.
»Nachdenkliche« Haustiere
Das verarbeitende Nachdenken und vorwegnehmende Fantasieren ist nicht nur nutzlose Träumerei, es macht Sinn. Wir verarbeiten damit Vergangenes und bereiten Zukünftiges vor. Wenn ich einen Hund oder eine Katze beobachte, meine ich, dass sogar Tiere das tun, sekundenlang, vielleicht länger.
Wenn ein Mensch zu wenig nachdenkt oder fantasiert, weil er so »im Stress« ist und erst dann nachdenkt, wenn er krank ist, arbeitslos oder in Rente, dann ist es für einige Lebensentscheidungen zu spät. Zu viel Nachdenken und Fantasieren aber »steigt in die Birne« und erschwert mehr, als dass es erleichtert. Dagegen hilft Arbeit: Gartenarbeit, Hausarbeit, Erwerbsarbeit. Nachdenken kann nur in sehr bescheidenem Maße Lebensprobleme lösen.
Common Sense?
Ist das »common sense«, was ich da gerade produziere? Common Sense enthält viel Aberglaube und generationlang kolportierte Illusionen. Aristoteles, der für seine Naturbeobachtung so berühmt ist, hatte einst beschrieben, wie viele Zähne ein Mensch im Mund hat – und sich dabei geirrt; das wurde jahrhundertelang so weitergegeben, ohne dass einer dieser Kolporteure nachsah und selbst zählte.
Allerdings wussten »die Leut« schon immer so einiges, auch ohne Wissenschaftler, Philosophen und andere Experten. Wenn sich das ein bisschen erhellen ließe durch gut verdaute und »aufs Wesentliche« selektierte Expertise aus den diversen Wissenschaften, könnte der Mensch tatsächlich ein gutes Leben führen – ohne große Dummheiten wie Kriege, Fanatismus, Frömmelei, Selbstzerstörung oder das übliche Wüten gegen die Natur.
Eine »aufgeklärte Gesellschaft«, an »enlightened global society«, das wär's.
Klarheit gewinnen über
sich selbst und das Leben
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