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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

2.3.2006

Sag mir deine Adresse!

Die spirituelle Suche ist die Suche nach der Heimatadresse

Eine Adresse, das ist doch das, was man auf einen Briefumschlag schreibt: Name, Straße, PLZ, Stadt und Land. Wenn Computerleute von »Adressierung« sprechen, meinen sie allerdings oft etwas anderes. Für sie sind Adressen oft einfach Nummern oder Zahlencodes, die eine bestimmte Stelle in einem Netzwerk bezeichnen. »Stelle in einem Netzwerk«? Ist eine Post- oder Internetadresse nicht genau das?

Wiedererkennbare Stelle im Datenmeer
Kommunikationstechnisch gesehen ist er Mensch ein sich orientierendes Lebewesen in einem Datenmeer. Den Kontakt mit der Umwelt halten wir, was die passive/kognitive Seite anbelangt, über unsere Sinnesorgane. Die aktive Seite wird von der »Motorik« besorgt: Über die Nerven steuern wir Muskeln, so dass wir Signale aussenden und uns bewegen können.
Wohin aber bewegen wir uns? An wen senden wir Signale aus? Dazu brauchen wir Adressen. Ein Gesicht ist eine solche Adresse. Ein Gesicht ist eine viel urtümlichere Adesse als eine Postadresse. Im Datenmeer Gesichter erkennen zu können, damit beginnt für das Baby die Orientierung. Das Gesicht der Mutter ist wohl typischerweise für uns Menschen die erste »Adresse« im Leben; die erste Stelle im Datenmeer, die wir wiedererkennen.
Um als Adresse zu funktionieren, muss etwas einzigartig sein, unverwechselbar. Ob das ein Postfach in New York ist, die ID-Nummer eines Computers in einem LAN oder das Gesicht der Mutter – alles das sind Adressen.

Meine »Identity Card«
»Können Sie mir Ihr Visitenkärtchen da lassen?« – »Sorry ... ähhh ... (Suchbewegungen am Jackett) ... ich glaub, ich hab keine ...«. Tja, wie soll man mit so einem Menschen denn Kontakt aufnehmen?
Auch die Persönlichkeit ist eine Adresse. Sie ist das Wiedererkennbare, Unverwechselbare an einem Menschen. Sowas wie eine Marke unter den Waren, ein »Brand«, im Gegensatz zum No-name-Produkt.
Wer seine Visitenkärtchen (Englisch: identity cards) noch nicht gefunden hat – will sagen: seine Identität noch nicht erkannt hat – der ist dann nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere nur schwer als Individuum erkennbar. Er ist noch kein unverwechselbarer Mensch geworden, er ist noch ein No-name-Produkt. Er irrt noch umher, im Datenmeer. Man kann ihn noch nicht finden, seine Adresse ist noch nicht eindeutig. Auch wenn andere ihn vielleicht schon erkannt haben, seine Einzigartigkeit erkannt haben, hat er sich selbst noch nicht identifiziert, noch nicht erkannt. Seine Individuation (C. G. Jung) ist noch nicht abgeschlossen. Seine Heimatadresse hat er noch nicht gefunden, sich selbst, wie traurig!

Visuelle, akustische und olfaktorische Adressen
Wäre doch spannend, mal evolutionsbiologisch zu untersuchen, wie das entstanden ist. Für die Brutpflege ist es nötig, dass Eltern ihre Kinder erkennen, oft auch umgekehrt. Die Storche müssen die Adresse ihres Nestes wiederfinden, sonst füttern sie Nachwuchs, der nicht die eigenen Gene trägt. Die Pinguine müssen in einer Kolonie von Tausenden ihre eigenen Kinder – und die Kinder ihre Eltern – wiederfinden können. Dazu müssen sie ihre »Adressen« haben. Sie müssen sich ein Gesicht eingeprägt haben oder einen spezifischen Geruch. Für uns Menschen ist das Gesicht (visuelle Kommunikation) meist der wichtigste Teil der Adresse, für viele Tiere ist es der spezifische Geruch.
Auch für uns Menschen kann der Geruch eines geliebten Menschen ein tiefes (»tierisches«) Gefühl der Zugehörigkeit auslösen. Oder auch die Stimme. Wichtig ist nicht, welches Sinnesorgan die Einzigartigkeit (i.e. die unverwechselbare Datenkombination, die Adresse) vermittelt, sondern dass die Adresse wirklich unverwechselbar ist. Der Briefträger muss wissen, wem er die Botschaft zustellen soll; die Zieladresse darf es nicht zweimal geben.

Paarbildung
Auch für die Paarbildung ist die Adressierung entscheidend: das Herauslösen des Einzigartigen aus dem Datenmeer des Beliebigen. Sich Verlieben heißt: den/die Einzige, Einzigartige zu finden, »dich« wiederzuerkennen – deine Adresse finden und mich darauf beziehen.
Hassen und Lieben sind sich übrigens insofern ähnlich, als beide Emotionen sich auf bestimmte Adressen beziehen, während zum Beispiel Wut oder Hunger sich auf unspezifische Auslöser richten.

Begriffe und Namen
»Stadt« ist ein Begriff, »München« hingegen ist ein Name. Es gibt viele Städte, aber nur ein München. Allerdings ist auch das Wort »Stadt« einzigartig, es kann mit keinem anderen Wort verwechselt werden; so wie auch die Spezies (die biologische Art) »Pferd« mit keiner anderen Spezies verwechselt werden kann, obwohl es viele Pferde gibt. Ich habe nur eine »richtige« Adresse (im Beamtendeutsch: mein erster Wohnsitz), diese aber kann ich tausend Mal aufschreiben, auf tausend verschiedene Zettel. Was daran soll nun einzigartig sein? Die Adresse selbst ist einzigartig, auch wenn sie auf vielen Zetteln steht. München gibt es nur einmal, auch wenn der Name dieser Stadt oft aufgeschrieben wird. Die Spezies »Pferd« ist unverwechselbar, und das Wort »Stadt« steht nur einmal im Wörterbuch.

Wo ist das Ego?
Ein Mönch kam zu Bodhidharma, dem ersten Patriarchen des Zen in China und sagte: »Hilf mir, das Ego loszuwerden!« – »Zeig es mir!«, donnerte Bodhidharma, »dann werde ich es beseitigen«. Der Mönch aber konnte es nicht finden – das, was ihn so viele Jahre belastet hatte, nun fand er es nicht mehr. Im Moment dieser Erkennis wurde er erleuchtet.

Wir irren umher
im Datenmeer. So lange,
bis wir unsere Identität
gefunden haben.

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