Wolf Schneiders Webdiary
11.3.2006
Die Romantik der Erleuchtung
ist was für junge Sucher
Zeit für einen Nachruf auf einen Begriff, der mich lang stark geprägt hat? Vielleicht ja ... spät abends und kurz, als Gutenachtnotiz.
Wer die Erleuchtung intensiv sucht und sie zwanzig, dreißig Jahre lang nicht findet, der müsse frustriert sein, las ich neulich. Mag sein. Wenn man nach all den Jahren der Suche immer noch glaubt, dass es sie gibt; wenn sie sich nach all den Jahren der Suche noch nicht in der Suche selbst aufgelöst hat, so wie der ebenso mysteriöse Begriff »Gott« für einen intensiv Betenden – ja, dann kann das frustrierend sein.
»Weisheit« ist mir lieber
Da freut mich doch eher ein Dalai Lama, der sich überhaupt nicht damit zu befassen scheint, ob er erleuchtet ist oder es eines Tages es werden könnte oder man ihn für einen solchen »Erleuchteten« hält. Es ist, als gäbe es für ihn diesen Begriff nicht und auch keine Suche danach, für ihn nicht und auch nicht für seine Schüler.
»Weisheit« kommt mir im Vergleich mit »Erleuchtung« viel zarter vor. Fließender, allmählicher, evolutionärer, wachsender, menschlicher. Nicht so krass wie das Entwederoder von »Erleuchtung«.
Erleuchtung als soziales Phänomen
Die Suche nach Erleuchtung erscheint mir heute als romantischer Trip für die noch jungen Suchenden. So wie Christen oder Moslem, die noch glauben, es gäbe einen Himmel und eine Hölle. Das ist verständlich und verzeihlich, nichts Schlimmes dran – irgendwie gibt es das alles ja auch – aber so ganz ernst nehmen kann man das nach einer Weile dann doch nicht mehr.
Klar ist es »nützlich« für einen spirituellen Lehrer für erleuchtet gehalten zu werden, und er kann auch, wenn er weise genug ist (das sollte so einer ja sein) auch damit »arbeiten«. »Nutzen« ist jedoch ein soziales oder sozioökonomisches Phänomen, es hat keine spirituelle Qualität. In diesem Sinne hat auch die Karotte »Erleuchtung« keine wirkliche spirituelle Qualität.
Nützlich kann »die Erleuchtung«
für einen spirituellen Lehrer
durchaus sein – aber doch nicht
wirklich ernst zu nehmen
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