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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

13.3.2006

All Stars

Vom nachhaltigen Versuch, ein »Connection All Stars Ensemble« zu kreieren

Als ich noch viel Jazz hörte (zur Zeit höre ich kaum mehr Musik), da faszinierten mich vor allem die kleinen Combos der 40er bis 60er Jahre. Wenn die dann noch Titel wie »The Xx All Stars Ensemble« trugen, war ich ganz begeistert. Alle sind Stars! Ja, super! Da gibt es nicht nur einen Solist, der immer von den anderen, Dienenden begleitet wird, sondern jeder war Solist, wenigstens kam jeder mal mit einem Solo dran!
Es gab sowas schon mindestens seit den 20er Jahren, aber ab den 40ern konnten sogar Percussionisten (Max Roach in den Charlie Parker Bands) oder Bassisten (Charlie Mingus) Soli spielen. Es gab nun nicht mehr nur Bands, deren Leader Sänger waren oder Sax, Trompete oder Klavier spielten, nun waren sogar Percussionisten und Bassisten oder ein Vibrafonist Bandleader. Das war in meinen Augen endlich ein Ansatz von wahrer Gerechtigkeit und Demokratie, ein Aufstand der einst verachten, »niederen« Teile eines Orchesters oder einer Band. Es war eine Emanzipation, ein Aufbruch in die Freiheit.

Der Versuch
So versuchte ich dann auch seit den 80er Jahren, meinen kleinen Verlag zu organisieren. Es sollte nicht einmal »meiner« sein, es sollte »unserer« sein, darauf legte ich großen Wert.
Ohne jetzt die lange, ereignisreiche Geschichte dieses Projektes in ein paar Worten aufzeichnen zu können, muss ich heute sagen: Es hat nicht geklappt. Wir waren nie wirklich ein »connection All Stars Ensemble«, und die Jahre, die wir das (beinahe) waren, die waren für mich als leider einzigen für die Kredite Haftenden sehr teuer. Sehr, sehr teuer.

Heute bin ich Solist und Dirigent in einem
Heute ist der Connection Verlag ein Orchester mit einem Dirigenten und einem Solisten. Beides bin ich. Und ich bin noch immer traurig, dass die Idee mit der »All Stars Combo« nicht geklappt hat. Diese Trauer sitzt mir noch tief in den Knochen, sie wird mich wohl nie verlassen. Ich kann nun auch nicht einfach als Dirigent den Einsatz der Streicher, der Bläser und der Triangel kommandieren, ohne dabei daran zu denken, dass selbst in dem Bediener der Triangel ein künstlerisches Genie steckt und ein Solist schlummert, der aufwachen will. Ich kann nicht anders. Deshalb begleitet mich diese Trauer bei meiner Arbeit als Dirigent jeden Tag.

Ich lerne ...
Es sieht so aus, als würde dieser Verlag in der jetzigen Form – das heißt unter einem Dirigenten, der zugleich DER Solist ist, wirtschaftlich existieren können – und erst jetzt. Die Schulden aus der Zeit des Versuchs, eine All Stars Combo zu erschaffen, lasten noch auf mir. Dennoch: Ich denke, es kann klappen; es kann sein, dass alles gut ausgeht. Ich lerne ja! Die Trauer aber begleitet mich dabei.
In einem anderen Wirtschaftssystem würde vielleicht auch eine All Stars Combo überleben können. In unserem Wirtschaftssystem aber gelingt das nur einem straff hierarisch organisierten Orchester. Unsere Welt will Stars sehen, Single-Stars, unsere Medienwelt ebenso wie unser Wirtschaftssystem; beide bevorzugen straffe Hierarchien. Ändern kann ich das nicht. Ich kann nur still oder laut dagegen protestieren – und selbst dieser Protest, wenn er denn gehört werden soll, muss straff hierarchisch organisiert werden.

Genies, die sich genieren
Warum geht es nicht, dass jeder sein Solo spielt? Sie spielen es ja, irgendwie jeder für sich. Kleine Soli, manchmal sehr kleine, aber wenn man genau hinschaut, sieht man sie.
Es steckt zwar in jedem ein Genie, aber es sind eben doch sehr verschiedenene Arten von Genies. Manche Genies genieren sich, andere prahlen mit dem bisschen, was sie an Besonderem haben; und jeder ist anders.

Auch Demokratie und
Gleichheit sind romantische
Vorstellungen. Aus denen man
erwachen kann

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