Wolf Schneiders Webdiary
15.3.2006
Heilige Schriften
Am Anfang war ... eine Idiotie. Dann wurde jahrtausendelang gemordet
Kleine Ursache, große Folgen: Irgendwann, irgendeines fernen Tages kam irgendein mir unbekannter Idiot einmal darauf, dass eine Schrift heilig sein könnte – eine ganz bestimmte Schrift, im Gegensatz zu den anderen Schriften und Gegenständen der Welt. Das kostete dann im Lauf der Jahrtausende Millionen von Menschen das Leben.
Na gut, es war nicht ein Idiot, es waren mehrere, und diese Idiotie fand auch nicht nur einmal statt, an einer Stelle auf dem Erdball, sondern an mehreren Stellen, mindestens zugleich im (von Europa aus gesehen) »Nahen Osten« und in Indien.
Was ist überhaupt ein »Idiot«? Im Griechischen hießen »idiotes« die einfachen Bürger, nach »idios«, eigen, dem Einzelnen zugehörig, so wie auch in dem Wort »Idiom«, sprachliche Eigenart.
Eigenartig
Ja, es ist schon eigenartig, eine Schrift heilig zu finden: EINE Schrift, die eine unter allen, die heilige! So wie es ja auch eigenartig ist, ein Haus Gotteshaus zu nennen, das eine unter all den anderen, gewöhnlichen Häusern. Oder in nur einem Gegenstand, einem Menschen, einem Ereignis Göttliches zu sehen, Heiliges, und es den anderen abzusprechen. Ja, das ist idiotisch, im wahrsten Sinne des Wortes.
Es sei denn, man sieht in dem einen (Gegenstand, Ereignis, Mensch, Tier) einen Stellvertreter für all die anderen. So wie ein Symbol oder ein Parameter oder den Joker im Kartenspiel. Etwas, das für alles andere (einer Art) stehen kann.
»Ungläubig« sind immer die anderen
Was waren die Folgen? Für die Juden ist die Tora heilig, für die Christen die Bibel, für die Moslem der Koran. Sie bekämpften einander im jeweiligen Glauben, die anderen seien Ungläubige. Wer an Gottes Wort in der von ihm wörtlich so vermittelten jeweiligen »Heiligen Schrift« nicht glaubt, ist ein Ungläubiger, Ketzer, vielleicht sogar Verbündeter des Teufels. Sie schufen entsprechende Riten, die mit dem jeweiligen Heiligen Buch zu tun hatten, vom jüdischen Altertum über die Heilige Inquisition des Mittelalters bis zur heutigen Rechtsprechung (der Eid mit der Hand auf der Bibel) setzt sich das fort.
Kriege ohne Ende
Ohne den Glauben an verschiedene Heilige Schriften hätte es zwischen den drei westlichen Religionen (die deshalb auch »Buchreligionen« genannt werden) keine Religionskriege gegeben. Keinen Antisemitismus (jedenfalls keinen so schlimmen), keine Kreuzzüge, keine Reformation (sie wäre gar nicht nötig gewesen), keinen dreißigjährigen Krieg, keine Spaltung von Irland, keinen Holocaust, keine Gründung von Israel mit dem ewigen Nahostkrieg und Kampf und die »Heilige Stadt« Jerusalem, und so weiter, und so fort.
Die Schrift als Götze
Man muss das Übel an der Wurzel packen, und das ist die Vergötterung / Vergötzung einer Schrift. Oder auch nur bestimmter Worte oder Wortlaute, die angeblich von Gott stammen sollen; man kann den Kult ja auch aufs Mündliche verlagern und dort seinen Fundamentalismus betreiben.
Das Wesen der Sprache zu verstehen ist in vieler Hinsicht nützlich. Ein Nutzen davon wäre: Es gibt keinen Glauben an »Heilige Schriften« mehr, und damit wären schon Mal 90% der Religionskriege obsolet.
Frieden auf Erden, allein dadurch, dass wir das Wesen der Sprache verstehen – nicht schlecht, oder?
Das Wesen der Sprache
zu verstehen, hätte vielfältigen
Nutzen – auch für die Religionen
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