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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

16.3.2006

Streikende in einem sinkenden Schiff

In einer sich globalisierenden Wirtschaft macht der traditionelle Streik keinen Sinn mehr

Sie streiken wieder. Heute die Klinikärzte, das kann man ja noch verstehen. Die letzten Wochen aber war es der von ver.di organisierte Streik der Mitarbeiter der deutschen Stadtverwaltungen. Sonst bei AEG, VW oder wo auch immer gerade die Globalisierung zuschlägt. Wie lächerlich, gegen die Globalisierung anzustreiken! Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beiden Parteien in dem sinkenden Boot, da streiten sie sich auch noch! Je weniger Streit im Boot, umso bessere Chancen hat es doch, nicht zu sinken. Wenn eine Firma durch Streiks ruiniert wird, kann sie im globalen Wettkampf noch viel weniger bestehen als ohne und wird noch viel schneller zum Übernahmekandidat oder Insolvenzfall.

Lokalstreik oder Weltstreik?
Klar, auch ich finde es skandalös, dass sogar bei steigenden Gewinnen immer noch Mitarbeiter entlassen werden, das stinkt zum Himmel. Eine Aktiengesellschaft braucht bloss Entlassungen anzukündigen, schon steigen ihre Kurse. Streik kann aber nur in Ausnahmefällen die Situation bessern, und nur im Kleinen. Wirklich gute Lösungen gibt es auch hier nur global. Wenn alle Facharbeiter einer bestimmten Branche weltweit streiken würden, das hätte Sinn; aber dafür müsste es erst einen Weltarbeitsmarkt geben, mit einer gewissen Angleichung der Löhne und Lebenshaltungskosten weltweit. Solange es das nicht gibt (und das ist ja auch nicht in jeder Hinsicht wünschenswert), macht ein Weltstreik keinen Sinn. Lokalstreiks schwächen die beiden sich dabei gegenseitig erpressenden Kontrahenten nur; für ihre Positionierung im globalen Wettbewerb kann das fatale Folgen haben.

Weltparlament
Wir brauchen eine Weltdemokratie. Wir brauchen ein Weltparlament, das alle Weltbürger wählen dürfen, da führt kein Weg drumrum. Dieses Parlament hätte dann eine Regierung zu bestimmen, die Weltgesetze erlässt, die zum ersten Mal sinnvoll mit Steuerflüchtlingen umgehen könnte und das Flugbenzin besteuern und den Treibhauseffekt lindern und die Überfischung der Meere und die globale Verbreitung von Atomwaffen und alles das. Sicherlich würde eine solche Regierung auch die ganzen Militärs der Welt entwaffen und die Horror-Summen, die heute dafür vergeudet werden, besseren Zwecken zuführen.
Was können die Streikenden Besseres tun als zu streiken? Sie sollten eine Partei gründen, die für die globale Mitbestimmung, die globale, föderale Demokratie eintritt und ebensolche Parteien initiieren in den anderen Demokratien der Welt. Das könnte übers Internet koordiniert werden, in englischer Sprache und den Lokalsprachen. So könnte eine echte internationale demokratische Bewegung entstehen, für eine Weltkonstitution mit Gewaltenteilung, deren Strukturschöpfer die Beispiele der bisherigen Demokratien und Föderalismen auswerten auf ihre Stärken und Schwächen hin.

Der Vogel der Hoffnung
In der heutigen Welt gibt es nicht viele Möglichkeiten, wo der Vogel der Hoffnung, die Taube oder der Albatross einer positven Utopie sich niederlassen kann. In Bhutan? Zu klein, zu untypisch. Lateinamerika? Vielleicht dort. Es gibt ja sonst kaum Landeplätze, und auch ein Albatross kann nicht ewig in der Luft bleiben.
In Asien rangeln die Großmächte miteinander um Einflusssphären und Ressourcen, letztlich um die Weltherrschaft. Europa ist mit sich selbst beschäftigt, Afrika mit seiner Armut und seinen endlos vielen inneren Kämpfen, die USA mit ihrem Scheitern als Weltpolizist. Bleibt Lateinamerika mit seinen neuen linken Regierungen.

Aktivismus, ja – aber diesmal bitte mit Ethik!
Wenn das nur nicht wieder ein Neuaufguss der alten linken Ideologien wird! Besser wäre, wenn sich diese linken Aktivisten eine gute Ethik gäben. Emotional sind sie ja meist sehr ethisch motiviert: Linke Aktivisten sind fast immer in viel, viel höherem Maß von Mitgefühl getragen als politisch Rechte. Fast überall in der Welt ist das so. Aber dann krallen sie sich an diese dumme, von Marx stammende Ideologie des historischen Materialismus, der da sagt: Die Geschichte bewegt sich nach Gesetzmäßigkeiten, die einzelne nicht beeinflussen können. Blödsinn! Tschingis Khan, Hitler und G. W. Bush konnten eine ganze Menge anrichten (leider), aber auch Buddha, Ashoka, Gandhi und Nelson Mandela - und jeder von uns kann das, in seinem eigenen Wirkungsfeld.
Die Größe des Wirkungsfeldes spielt keine Rolle für die Frage, ob wir überhaupt etwas bewirken können oder ob wir bloß Rädchen im Getriebe einer riesigen historischen Maschine sind.
Also: Eine Ethik muss her! Klare Aussagen darüber, was ein gutes Ziel ist und was nicht. Unmissverständliche Ziele und eine deutliche Bestimmung der Mittel welche zum Erreichen dieser Ziele legitimiert werden und welche nicht.

Linke Aktivisten brauchen
eine Ethik und eine
globale Vision

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