Wolf Schneiders Webdiary
17.3.2006
Psychic Addiction
Abhängig von Antworten, die nicht befriedigen können
Die New York Times berichtete kürzlich von der Hollywood Schauspielerin Sarah Lassez und ihrer »psychic addiction«, ihrer Sucht, sich von Lebensberatern wie Wahrsagern, Kartenlegern oder Astrologen sagen zu lassen, wer sie ist, was ihre Stärken und Schwächen sind und wie demnach ihre Zukunft aussehen wird.
In ihren schlimmsten Zeiten gab sie mehr als 1.000 $ monatlich für ihre Sucht aus und konsultierte sechs Mal am Tag einen »psychic«. Dabei war sie gar keine Suchtpersönlichkeit und hatte auch nie Probleme mit Zigaretten oder Koffein. Sie hat einen Universitätsabschluss, ihre Eltern sind Computerwissenschaftler, trotzdem hat sie zehn Jahre mehr Geld für diese Sucht ausgegeben als andere junge Schauspieler für ihre Autos.
Die Sucht »wissen zu müssen«
Als Sarah Lassez klar wurde, dass sie tatsächlich süchtig war – und mit ihr viele andere – gründete sie eine Selbsthilfegruppe und fand schließlich den Absprung. Über ihre Erfahrungen mit der Sucht schrieb sie das Buch »Pychic Junkie – A Memoir« und gründete die Webseite www.psychicjunkie.net. Diese will eine Anlaufstelle für Beratungssüchtige sein, aber ohne Lebensberater zu diffamieren, wie dort gleich auf der Leitseite betont wird; nein, das nicht, sondern sie will denen helfen, die der Sucht »wissen zu müssen« verfallen sind.
»Wahrsager« und andere
Mich hat Sarahs Geschichte an die Sucht nach Antworten erinnert, die Legionen von Suchenden zu Konsumenten von Typenbestimmungsratgebern macht.
Wer bin ich? Du bist Krebs Aszendent Jungfrau, im chinesischen Horoskop eine Ziege, im Enneagramm eine fünf – oder was auch immer. Die Eso-Läden sind voll mit solchen Bestimmungsbüchern, mit Tarotlegemethoden und ähnlichen Ratgebern, wobei die Grenzen zwischen denen, die Aussagen über die Zukunft machen, traditionell »Wahrsager« genannt, und den ein bisschen nüchterneren Typenbestimmern fließend sind. Beide bedienen das Bedürfnis, über sich selbst glaubhafte Aussagen zu bekommen.
Bin in kodependent, submissiv oder zum Führen geboren? Bin ich kreativ und musikalisch oder eher ein Buchhalter? Bin ich bestimmt, dieses Jahr meine große Liebe zu finden, Kinder zu bekommen, reich zu werden, erleuchtet, eine Heilerin ... Die in spirituellen Kreisen eher scheel angesehenen »Wahrsager« und die als seriös geltenden Analytiker des Persönlichkeitstyps unterscheiden sich kaum in der Bedienung dieses Bedürfnisses.
Endlos ist die Suche ...
Das Bedürfnis des Menschen, sich zu identifizieren und von anderen gesagt zu bekommen »Wer ich bin« ist erschreckend grenzenlos und kaum zu stillen. Einstein soll gesagt haben, er wisse von zwei Unendlichkeiten, die eine sei das Universum, die andere die menschliche Dummheit – aber bei der ersten sei er sich nicht so sicher. Wie wahr!
Sarah Lassez' Geschichte mag wie eine Karikatur wirken, ein Sonderfall. Das Bedürfnis nach Identifikation aber ist ein Leiden, das alle Menschen erfasst, und die Sucht nach einer Kenntnis der Zukunft und nach einer Bestimmung des Charakter- oder Körpertyps oder dem Wissen um meine Identität in einem vergangenen Leben oder Derartiges, das sind alles Geschwister aus derselben Familie.
Neue Gefängnisse
Auf Sarahs Webseite und auf ihrem Buch sind jeweils Tarotkarten abgebildet als visuelles Symbol der Sucht nach esoterischen Antworten. Tarotkarten können der Selbsterkenntnis dienen, sie können in die Tiefe führen wie alle psychischen und esoterischen Methoden. In den meisten Fällen aber sind die gegebenen Antworten nur neue Bluffs und eröffnen neue Gefängnisse, kaum besser als die alten, die man doch so sehnlich verlassen wollte.
Welcher Typ ich bin und
was die Zukunft mir bringt,
die Suche nach Antworten
auf das eine wie das andere
ist eine Sucht.
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