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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

27.3.2006

Sprachbewusstsein als Königsweg

der alle anderen Wege und Methoden in sich aufnimmt

Jnana Yoga, Karma Yoga, Hatha Yoga, Bhakti Yoga – es gibt so viele von ihnen. Welcher Yoga ist der richtige, der beste? Irgendein kluger Inder hat sie mal alle zusammenzufassen versucht und daraus den »Raja Yoga« gemacht, den Königsweg zur Einheit. Mit den acht Schritten von der Selbstbeherrschung (Yama) bis zur Nondualität (Samadhi) beansprucht der Raja Yoga, alle Yogawege zusammenzufassen in einem. Königswege und Untertanenwege, das darf man heute nicht mehr so feudalistisch interpretieren; der Weg muss für alle gangbar sein. Aber es gibt Unterschiede zwischen ihnen. Ein einlullender Singsang, wie friedlich oder ekstatisch er den Lullenden auch immer machen mag, ist kein vollständiger, zielführender Weg, denn auch aus dem glücklichsten aller Schlummer wacht man wieder auf, und dann sind Ekstase und Frieden dahin. Deshalb ist Weisheit besser als ein noch so glücklicher Schlaf.

Der Schlüssel, der alles aufschließt
Ich meine, dass das Verstehen von Sprache ein Weg ist, der alle anderen in sich zusammenfasst. Er kann die Tücken und Hürden der spirituellen Heldenreise in sich aufnehmen, sie integrieren und überwinden. Auch andere Methoden mögen das können, so wie im Hologramm jeder Punkt des Universums seine Mitte ist – jeder, nicht nur die Panoramapunkte, die »Punkte mit Aussicht« aufs Ganze.
Vielleicht muss man ein bisschen Graben, um in einem Punkt den inneren Punkt zu finden, den Mikrokosmus, der den Makrokosmos enthält. Mag sein, aber jeder kann das, prinzipiell jeder.
Die Methode des Erkennens von Sprache ist jedenfalls ein Schlüssel, der das ganze Universum aufschließen kann, die ganze menschliche Wahrnehmung, das Ich oder Selbst, das Wesen der Existenz, Liebe und Tod, Sein und Nichtsein. Nein, Sprache kann das nicht, aber wer Sprache versteht, kann das. Sprache verstehen? Wir haben doch schon als Zweijährige unsere Muttersprache verstanden!? Nein, das meine ich nicht. Sondern verstehen, was Sprache ausmacht, was sie kann und was nicht. Worin sie besteht und wie sie wirkt. Ihr Wesen erkennen.

Das »Wesen« der Sprache
Können wir »das Wesen der Sprache« erkennen? Nein, neben der Sprache gibt es kein Wesen mehr »von ihr«. Sprache ist Sprache, und was keine Sprache ist, das ist keine Sprache. Das eine vom anderen zu unterscheiden (Viveka, in der altindischen Philosophie das Unterscheidungsvermögen), das ist von Nutzen. Das Sprachliche von Nichtsprachlichem unterscheiden zu können ist von Nutzen. Ein Drittes gibt es nicht (tertium non datur).
Es gibt den Menschen, aber neben ihm kein »Wesen«, dass »das Wesen des Menschen« wäre. Eine Essenz? Das, was den Menschen zum Menschen macht, die Eigenschaften, die ihn vom Tier unterscheiden oder von den Steinen oder von der organischen Materie, zu der sein Körper nach dem Tod zerfällt, ja, das gibt es, aber kein Wesen. Und so gibt es auch kein Wesen der Sprache.

Es ist zu einfach für uns!
Sprache als solche zu erkennen gehört zu den Phänomenen, deren Einfachheit sie so schwierig machen. Sprache als Sprache zu erkennen ist nicht schwierig, es ist einfach - und genau das macht es so schwer. Es ist zu einfach für uns! Nur die Kinder (bevor sie Sprache verstehen) oder die Savants (und vielleicht noch andere Autisten) oder Tiere oder Erleuchtete verstehen Sprache in ihrer Einfachheit, alle anderen erliegen der Hypnose, dass der Kaiser Kleider anhabe – dass Sprache etwas bedeute.

Sprache als solche zu erkennen
ist nicht zu schwierig
sondern zu einfach

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