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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

2.5.2006

Kraftplätze

Auch du und ich sind magische Orte

Immer wieder höre ich, dies und das sei ein Kraftplatz. Seminarzentren stehen natürlich an solchen. Auf Visionquests steuert man sie an und auf Pilgerreisen wandert man zu ihnen hin. Besser, ich behaupte, auch unser Haus stünde an einem solchen Kraftplatz. Ja klar, wenn man bedenkt, was hier alles schon passiert ist! Außerdem spüre ich das ganz deutlich, ich bin nämlich sensibel dafür. Ich habe es »erfahren«, ja, doch, ganz deutlich – spürst du es nicht? Hier wirken starke Kräfte. Wer würde denn sonst noch bei uns ein Seminar machen wollen?

Ist Gott nur in der Kirche?
Nein, eigentlich finde ich, dass es doch eher so ist wie mit Gott in der Kirche. Wer glaubt schon, dass Gott nur in der Kirche zu finden ist? Oder Buddha nur im Tempel. Oder dass die Engel und Feen nur dann kommen, wenn man für sie einen Altar errichtet hat und dort betet.
Jetzt mal ganz im Ernst: Ich meine, dass Gott kein bisschen seltener außerhalb der Kirchengebäude anzutreffen ist als innerhalb. Innerhalb sind die (menschlichen!) Inszenierungen auf Göttlichkeit ausgerichtet – immerhin, das sind sie, und immerhin ist es eine Kunst, solche Gebäude zu erschaffen. Kunstvolles Menschenwerk. Ein architektonisch gut angelegter Tempel oder ein Kirche können uns in erhabene Zustände versetzen, in die wir außerhalb nicht so leicht geraten. Dabei »sind« diese Orte aber kein bisschen göttlicher oder heiliger als der Rest der Welt, es sei denn, wir wollen damit die Inszenierung loben.

Du bist es!
So ist das auch mit den geomantischen Kraftplätzen. Den Einfluss dort »tatsächlich« vorhandener Schwingungen halte ich für minimal, vielleicht nicht einmal messbar – und wenn doch messbar, dann bewirken diese messbaren Schwingungen nur Unterschiede, die fast irrelevant sind. Was wir allerdings »glauben« dort vorzufinden, das fühlen wir dann auch, und das macht dann unsere dortige »Erfahrung« aus.
Wenn ich verliebt bin oder gerade eine Beethoven-Sinfonie höre, fühle ich mich mindestens ebenso erhaben wie an einem dieser sogenannten Kraftplätze. Dann »bin ich« dieser Kraftplatz, oder im Falle der Verliebtheit: Dann »bist du« dieser Kraftplatz in unvergleichlich viel höherem Maß als der Kirchenfriedhof an der Stelle jener alten keltischen Kultstätte.

Die Sofaecke
Liebespartner und Kunstwerke sind Kraftplätze (magical locations), auch Heimatorte sind dies – wer dort sein Herz verschenkt hat, findet diese Orte magisch. In unserer Kultur sind anscheinend vor allem die Sofaecken vor den Fernsehgeräten Kraftplätze von überragend mächtiger magischer Energie und Bedeutung. Wenn man sieht, wie die couch potatoes sich dort dort von dem Geschehen auf dem Bildschirm in Trance versetzen lassen, lässt das keinen anderen Schluss zu. Das Zentrum dieses Kults ist der Bildschirm, von dem gehen offensichtlich Zauberkräfte aus, in deren Bann die davor Sitzenden für Stunden gehalten werden.
Jeden Abend huldigen die Eingeborenen unseres Landes diesem Kult. Mehr als drei Stunden und vierzig Minuten im Durchschnitt, Tendenz steigend.

Der Kraftplatz des Kleinbürgers
ist seine Sofaecke vor
dem Fernseher

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