Wolf Schneiders Webdiary
2.6.2006
Sprache ist gefährlich
und auch unter Schriftstellern gibt es Betriebsblindheit
»Ich muss ernsthaft sein und ruhig antworten auf die Vorwürfe, die mir seit vielen Jahren und jetzt wieder, nach der Zusprechung (und der angedrohten Nicht-Vergabe) des Heinrich-Heine-Preises entgegengehalten werden. Ich muss es für die Leser tun, für die redlichen Leser – übrigens eine Tautologie, denn ein unredlicher oder voreingenommener Leser ist nie ein Leser.«
Mit diesen Worten begann der Text von Peter Handke, der gestern auf der ersten Seite des SZ-Feuilletons erschien. Es ist eine Übersetzung aus dem Französischen, wo diese Verteidigungsrede von ihm (ich glaube, es war in der Zeitung »Libération«) ein paar Tage vorher erscheinen war; ich denke jedoch, dass diese Übersetzung den Text nicht wesentlich verfälscht. Handke verteidigt sich hier gegen Vorwürfe, die ihm wegen seiner proserbischen Äußerungen gemacht werden; aber das alles interessiert mich nicht sehr, und auch nicht, ob er den Heinrich-Heine Preis verdient hat. Was mich viel mehr interessiert ist, dass Handke hier behauptet, ein unredlicher oder voreingenommener Leser sei nie ein Leser. Sobald einer liest, sei er redlich und unvoreingenommen. Lesen sei gut. Wenn ein Mensch liest, würde er dadurch redlich und unvoreingenommen. Ungefähr das hat er hier offenbar sagen wollen, und in diesem Punkt stimme ich partout nicht mit ihm überein.
Propaganda
Lesen kann Wissen vermitteln, es kann sogar zu Einsichten führen, das stimmt. Es kann aber ebenso Unwissen vermitteln und zu Verblendung führen. Jede Propaganda, schriftliche wie mündliche, bedient sich der Sprache. Durch schriftliche wie mündliche Sprache werden Menschen zu Fanatikern, Religionskriegern, Attentätern, Mördern, Folterern, Rassisten und anderem. Was Menschen einander an Schlimmstem angetan haben, wurde nicht durch ihre tierischen Instinkte bewirkt, sondern durch sprachliche Manipulation. Solche Manipulation bedient sich zwar unserer tierischen Instinkte (Aggression, Herdentrieb, Selbsterhaltung, Notwehr), aber ohne Sprache kann sie das nicht. Ohne Sprache gibt es keinen Rassen- oder Klassenhass, keinen Genozid, keine Konzentrationslager, kein Auschwitz, keinen Gulag. Ohne Sprache hätte es die chinesische Kulturrevolution nicht gegeben und nicht das Regime von Pol Pot und es würde auch keine Selbstmordattentäter geben. Ob die Botschaften dabei mündlich übertragen werden, durch Sprechen und Zuhören oder schriftlich, durch Schreiben und Lesen, ist hierfür nicht relevant. Relevant ist, dass Menschen sich von Sprache faszinieren lassen und dass sie in dieser Faszination ihre Unvoreingenommenheit verlieren. Dieser Verlust der Unschuld oder Unvoreingenommenheit durch Zuhören oder Lesen ist fast unvermeidlich, denn er hat seine Wurzeln in der Art, wie Sprache funktioniert.
Im besten Falle ist die durch Sprachanwendung verlorene Unvoreingenommenheit, das heißt – gewonnene Voreingenommenheit – eine bessere als vorher, denn es kann sein, dass der lesende oder zuhörende Mensch vor dem Lesen oder Zuhören noch voreingenommener war als danach. Das wäre dann einer der glücklichen Fälle, in denen Sprachempfang (Lesen oder Zuhören) zu Einsicht führt, also mehr Unwissen beseitigt, als dadurch erworben wird. Und diese Bilanz solltem man immer ziehen, denn IMMER führt Lesen (auch das Lesen dieses Textes) ebenso wie Zuhören zu einer partiellen Einschränkung der Wahrnehmung.
Die Kunst des Nebelwerfens
Ich staune noch immer, dass einem Schriftsteller wie Handke, der ja nun wirklich ein Könner seines Fachs ist und hochsensibel und zu Einsichten fähig, ausgerechnet diese Einsicht in den Funktionsmechanismus seines Werkzeugs (der Sprache) zu fehlen scheint. Kann man denn als Sprachhandwerker über die Jahre so sehr von seinem Instrument eingenommen eingenommen, ja eingelullt werden, dass man vergisst, dass es nur ein Instrument, ein Werkzeug ist, mit gewissen Eigenschaften, eben zum Beispiel der, dass es seinen Anwender einlullt? Genau das scheint mir hier der Fall zu sein.
Wenn man einen Beamten damit beauftragt, die Bürokratie zu reduzieren, wird er zu diesem Zweck weitere Gesetze erlassen, die dann neben all den anderen auch noch einzuhalten sind, er verschlimmert die Situation also. In etwa diesem Sinne sind Sprachhandwerker, die doch meist beanspruchen Klarheit zu vermitteln, professionelle Nebelwerfer. Wenn man ihnen zu erklären versucht, dass sie mit Sprache Nebel werfen, wirft man ja einen Nebel, der eben dies versucht: ihnen kunstvoll-nebulös reinzudrücken – ich meine: sie quasi damit zu bezaubern – dass sie Nebelverwerfer sind. Die Chancen, dass dies gelingt, sind gering.
Zu Wirkung und Nebenwirkungen
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