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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

10.7.2006

Der Sturz des Helden

Zinédine Zidanes Kopfstoß

Gestern das Endspiel, was für ein Massenphänomen! Ungefähr drei Milliarden auf der ganzen Welt haben da zugeschaut, vielleicht mehr als je in der Geschichte der Menschheit zugleich irgendetwas dachten, fühlten, beobachteten. Was für ein Gleichklang! Gut, dass es ein Spiel war, keine Schlacht. Obwohl vielleicht nur etwas Kämpferisches, nur eine starke Auseinandersetzung imstande ist so viele Menschen so sehr zu faszinieren. Eine Oper, ein Lied oder sonst ein Kunstwerk können das nicht. Wie schon im alten Rom, als die Gladiatorenkämpfe viel mehr Aufmerksamkeit bekamen als alles andere.
Auch mir ist es so ergangen: Der Konflikt hat mich fasziniert. In diesem Falle am meisten der von Zinédine Zidane. Das Feiern der Italiener am Ende, ja, auch das war faszinierend. Was mich bis in die Nacht hinein aber noch mehr verfolgt hat als der Verlauf des Spiels, die Begeisterung der Zuschauer und der Freudentaumel der Gewinner, war dieser Kopfstoß von Zidane in die Brust von Materazzi.
Warum hat er das gemacht? Warum hat er sich auf so defaitistische Weise verhalten - sich selbst und seiner Mannschaft und seinem Land gegenüber? Seine Mannschaft war in diesem Spiel die bessere, vor allem in der zweiten Halbzeit war das überdeutlich, und es waren doch nur noch zehn Minuten bis zum Elfmeterschießen, in dem er seine Meisterschaft noch mehr hätte ausspielen können als schon zuvor.

Die fehlende Gelassenheit des Samurai
Mein erster Gedanke: Er hat zu viel in seine Körperkraft investiert und zu wenig in seine geistige. Ein bisschen weniger an Kraft und Schnelligkeit und dafür ein bisschen mehr an Gelassenheit, und er hätte dieses Spiel gewonnen. Andererseits ... ich weiß ja kaum etwas von ihm. Ich weiß nicht, was Materazzi ihm gesagt, ihm eventuell angetan hat, dass er so reagieren musste - aber er musste ja nicht, niemand kann einen Menschen zu solch einer Reaktion zwingen; verleiten wohl, aber nicht zwingen. Haben die Samurai nicht vor allem das trainiert: die geistige Kraft, die Gelassenheit, die Fähigkeit, sich von keinem Gegner einschüchtern und aus der Fassung bringen zu lassen?
Zidane hat etwas von einem Samurai. Wie er da geht, mehr noch wie er spielt, diese göttliche Körperbeherrschung! Die Beherrschung des Geistes, der Emotionen aber, die kann bei ihm nicht mithalten. Vielleicht ist er in dieser Hinsicht ein Sinnbild unserer heutigen Welt: militärisch und technisch hoch gerüstet, emotional und geistig aber noch ein Kind, oder eher: ein Halbstarker.

Der Mann aus dem Ghetto
Auf www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,425976,00.html sind die Bilder von diesem Stoß zu sehen, neun Bilder in Folge und der Text von Ulrich Fichtner dazu, in dem er Zidane in Schutz nimmt: »Niemand steigt in einem kämpferischen Sport zu dieser Größe auf, dessen Tugend allein die Bescheidenheit wäre. Fußball heute ist eine knallharte Angelegenheit« und »Der Sport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten derart mit Körperkraft, Tempo und Aggression aufgeladen, dass die Spieler, physisch stärker denn je, psychisch überfordert scheinen«. Ja, das ist wohl so. Und Zidanes Aufwachsen im harten Milieu des Ausländerghettos von Marseille, das hat aus ihm eine kühlen Kämpfer gemacht, einen der seine Emotionen nicht in seiner Mimik oder Stimme ausdrückt, sondern im Kampf.

Die Faust zum Abschied
Wenn Zidane heute dennoch gefeiert wird, weil Frankreich und die Werbeindustrie ihren Helden behalten wollen, ist das eine Verdrängung. »Das Bild seines Kopfstoßes, unermesslich aufgeladen durch die Zeugenschaft von Milliarden Menschen, wird zu einer Ikone werden. Es wird dieses Bild die andere Seite von Zinedine Zidane illustrieren, die dunkle, archaische, die es immer gab und die er nie vollständig zu kultivieren in der Lage war« schreibt Fichtner weiter, aber damit romantisiert und mystifiziert er diese Sache m.E. ein bisschen zu sehr. Es wird durchaus eine konkrete Wut gewesen sein, aus der heraus Zidane da zugestoßen hat, und es mag darin auch eine Faust gesteckt haben, es »dem System«, das ihn da zum Helden gemacht hat, zum Abschied nochmal zu zeigen. Was denn zu zeigen? Vielleicht, dass er sich nicht benutzen lässt, nicht völlig jedenfalls. Denn benutzen lassen hat er sich ja, in vieler Hinsicht, zu seinem Vorteil und dem vieler anderer.

Das Auge der Kamera
Drei Milliarden Menschen haben das gesehen – welcher Schauspieler hat je so viel Publikum gehabt! Zuerst sahen die Fernsehzuschauer den Stoß, die im Stadium wahrscheinlich erst nach dem Spiel. Auch das mag eine Wende sein: Die ausgefuchste Kameratechnik, mit Perspektivenwechseln, Zoom und Zeitlupe führt dazu, dass man im TV solch ein Spiel besser verfolgen kann, als wenn man selbst im Stadion dabei ist.
Die virtuelle Welt, die doch als so unreal gilt, hier zeigt sie mal ihre Stärke im Erfassen der Realität. Was die Kamera hier aufgezeichnet hat, das ist dem bloßen Auge der meisten Zuschauer im Stadion entgangen.



Kämpferisch hoch entwickelt,
emotional ein halbstarkes Kind

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