Startseite | Tagebuch | Forum | Kurse
Texte | Bücher | Vita | Impressum |
Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

19.10.2006

Horchen, tasten, riechen, schmecken

Sich orientieren in der dunklen Jahreszeit

Jetzt kommen wieder die dunklen Monate. Jeden Morgen wird es ein bisschen später hell, man möchte noch im Bett liegen bleiben und erst mit der Sonne aufstehen.
Ich stehe im Dunkeln auf, aber ich lasse es dunkel, ich mach mir kein künstliches Licht. So kann mich noch ein bisschen ins Dunkle kuscheln, dort fühle ich mich geborgen. Das Licht des Tages ist so grell, es erschreckt mich.
Erstaunlich, wie viel ich tun kann ohne Licht! Ich kenne die Wege zum Klo, ins Bad, in die Küche, und ich weiß, wo die Sachen liegen. Ein bisschen was sehe ich ja, aber manchmal ist es fast nichts. Alles ist grau, ohne Farben, und meine Hände tasten nach den Dingen. Sonnenblumenkerne ins Müsli, ja, aber könnte das nicht auch das Gefäß mit dem Reis sein? Die Körner haben fast dieselbe Größe, und beim Schütteln gibt es dasselbe Geräusch. Ich schnuppere dran: Ja, es sind die Sonnenblumenkerne! Gut so. Müsli aufkochen, auf der kleinen Gasflamme: Was für eine schöne blaue Flamme! Sonst ist alles dunkel. Gleich geht’s unter die Dusche. Auch dort kenne ich jeden Griff.
So ist es fast, als könne ich die Traumzeit in den Tag hinüberretten.

Näher dran
Sinnliche Orientierung ohne die Augen, ja, das geht. Tasten, riechen, horchen, dann auch schmecken – ich orientiere mich. Wahrnehmung ist nicht nur ein Sehen, sondern auch ein Hören und das Bild, das die tastenden Finger mir von der Welt vermitteln. Die Augen können die Sterne sehen, die Sonne und die ferne Berge, die Ohren können immerhin noch Geräusche hören, die einen Kilometer weit entfernt sind. Riechen kann ich fast nur, was maximal ein paar Meter weit weg ist, ertasten nur, was sich in Armlänge vor mir befindet und schmecken nur, was sich in Reichweite meiner Zunge befindet.
So vermitteln die Nichtsehsinne mir eine viel nähere Welt als das Auge. Durch sie bin ich mehr drin in der Welt und näher dran an den Dingen.


+ Diesen Beitrag verlinken? Dann mit "bleibender" Adresse:
http://www.schreibkunst.com/webdiary/diary.php?p=1161290957