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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.11.2006

Erleuchtet sein

... ist auch nur ein Gedanke

Ich bereite gerade unsere Dezembertitelthema »Was ist Erleuchtung« vor. Habe heute dazu eine Stoffsammlung gemacht. Was mich dabei am meisten kitzelt ist meine eigene Erfahrung damit, für erleuchtet gehalten zu werden und wie ich damit umgegangen bin.

Die Versuchung
Was macht man damit, wenn man für erleuchtet gehalten wird? Protestieren? Witze? Über sich selbst, oder über die anderen Gläubigen? Darüber schweigen und es still für sich benützen? Es ist eine Versuchung, und ... ich habe nichts gegen Versuchungen. Ihnen nachzugeben kann einen weit bringen. Aber: Tut das wirklich gut? Mir? Den davon betroffenen Gläubigen?
Ich bin gegen sowas nicht gefeiter als andere. Aber ich bin froh, beobachten zu können, wie das Angebot einer solchen Identität daher kommt, sich mir anbietet zum Reinschlüpfen wie ein neues Gewand in irgendeiner exquisiten Boutique. Ich probiere es an, stelle mich damit vor den Spiegel und finde - eigentlich steht es mir!
Und ziehe es doch wieder aus.
Nein, ich habe nichts gegen die, die dieses Gewand tragen. Aber ich hoffe, dass sie dabei immer noch wissen, dass es ein Gewand ist. Eine Identität, die man auch wieder ablegen kann.

Das Ende der Weisheit
Dann kommt einer und sagt: »Bei mir ist es anders, ich weiß, dass es die Wahrheit ist, kein Gewand!« Mir fällt dazu der Präsident ein, der demokratisch gewählt wurde für eine Legislaturperiode von fünf Jahren. Nach dem Grundgesetz durfte er einmal wiedergewählt werden, aber auch diese Zeit ging zu Ende, und er wollte immer noch herrschen, da änderte er mit der dazu erforderlichen Mehrheit das Grundgesetz und bestimmte: Jetzt gibt es nur noch mich als Präsidenten. Damit war die Demokratie beendet.
Alle anderen glauben nur, diese und jene zu sein, ich aber weiß es: Ich bin das! Wenn man das Gewand nicht mehr ausziehen kann, ist das das Ende der Weisheit.

»Alle anderen glauben nur,
diese und jene zu sein,
ich aber weiß es:
Ich bin das!«

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