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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

6.11.2006

»Natürliche« Autorität

Im Gewand neuer Worte lassen wir uns so gerne verführen wie eh und je

Wenn ich auf das Gefährliche an Autorisierung und autoritärem Verhalten hinweise, höre ich oft, dieser oder jener sei »eine natürliche Autorität«. Wenn du das bist, ist alles gut, denn das Natürliche, das ist ja etwas Gutes. Wenn du von dem Charisma einer natürlichen Autorität fasziniert bist, dann ist das gut. Das ist ja nichts Künstliches, also ist es gut.
Schon komisch, was die Leute so alles glauben.

Natürliche Kräfteverhältnisse
Grad las ich einen Text, der mir zur Veröffentlichung zu geschickt wurde: die Selbstdarstellung von einer sympathischen, warmherzigen alternativen Gemeinschaft. Ein guter Text, geschrieben von einer intelligenten Autorin. Dort heißt es: »Autorität in jeder Form und Hierarchie, die sich nicht aus den natürlichen Kräfteverhältnissen selbstverständlich ergibt, lehnen wir als gemeinschaftsfeindlich ab.«
Autorität »in jeder Form«, und die Hierarchie, vermutlich auch in jeder Form, gleich mit. Da rieche ich schon wieder ein neues Dogma. Außerdem: Was soll hier heißen »sich aus den natürlichen Kräfteverhältnissen selbstverständlich ergibt«?
Dieser Tage war im TV wieder viel über Hitler zu sehen, heute auch wieder über seinen Propagandaminister Goebbels, und das ZDF bringt eine Serie über die großen Diktatoren Hitler, Stalin und Mao. Alles das hat sich aus den natürlichen Kräfteverhältnissen ergeben, auch die Hierarchien der SA uund SS, und es erschien den Leuten damals als ganz natürlich. Nicht allen, aber ausreichend vielen. Im Deutschland der Jahre 1936 bis 1941 erschienen der Mehrheit der Deutschen der Aufstieg und die Machtergreifung von Hitler und die daraus resultierenden Hierarchien als ganz natürlich.

Vertrauen können
Heute andererseits wird Hitler verteufelt – und wieder spricht hier eine Mehrheit und findet es selbstverständlich, dass Hitler ein schlechter Mensch war, ein Größenwahnsinniger; kein Führer sondern ein Ver-Führer. So ist eben heute die Moral. Wenn aber der Richtige kommt, der Neue, Faszinierende, dann werden sie sagen, er habe doch eine ganz natürliche Autorität. Er ist ganz er selbst, er ist authentisch. Er ist so wie wir, ein Mann oder eine Frau aus dem Volk. Dann geht es wieder los: Gefolgschaft, Gehorsam, Vertrauen. Nein, nicht Gefolgschaft und Gehorsam, sondern »Vertrauen« wird man das dann nennen, denn die Worte von damals hört man heute nicht mehr so gern, sie sind verbraucht. Heute wird man es Commitment nennen, wenn man sich dem neuen Führer hingibt, und man wird stolz auf sich sein, so viel vertrauen zu können. So viel Herz zu haben und den Kopf auch mal weglassen zu können.

Die Verzauberung
Ich behaupte: Nur wenn wir den charismatischen Prozess an sich durchschaut haben, die Verzauberung durch Sprache, nur dann sind wir frei und entscheidungsfähig. Nur dann sind Autoritäten für uns nicht mehr akut gefährlich.
Wir sind geprägt, und als Geprägte lassen wir uns von Symbolen in Trance versetzen – zum Beispiel von Sprachlauten. In dieser Trance sind wir nicht mehr frei. Dann halten wir eine Autorität für natürlich, nur weil sie unserer Prägung entspricht. Solche Autoritäten können uns ins Verderben führen. Bis kurz vor Schluss nennen wir es noch »Führung«, dann erst kippt es um, und wir nennen es »Verführung«. Dann halten wir uns für die Opfer, denn wir haben es ja nicht gewusst. Wie hätten wir es denn wissen können?
Indem wir den charismatischen, trance-induzierenden Vorgang der sprachlichen Verständigung als solchen erkennen, hätten wir es wissen können. Indem wir die Zauberkraft der Sprache verstehen und in flagranti bemerken. Dann stehen wir als Zauberlehrlinge nicht mehr so dumm da, mit diesen Geistern, die wir riefen, und die wir nun nicht mehr loswerden – das ist die aktive Seite.
Die passive Seite ist, dass wir uns dann nicht mehr verzaubern lassen ohne es zu merken. Eine gewollte Verführung kann ja sehr schön sein. Eine ungewollte und nicht als solche erkannte aber kann böse enden.


Gefolgschaft, Gehorsam?
Igitt. Heute haben wir
Vertrauen und commiten uns

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