Wolf Schneiders Webdiary
12.11.2006
Herzlichkeit
ist in. Ab wer weiß schon, was »das Herz« bedeutet?
Das Herz lässt mir keine Ruhe. Am 29. 10. habe ich darüber geschrieben, mit starken Reaktionen darauf – heute nochmal, vielleicht ergänzend.
Formelle Briefe enden mit »freundlichen Grüßen«, und wenn sie einem etwas näher kommen wollen, mit »herzlichen Grüßen«. Herzlichkeit ist in, schon lange, nicht erst seit die Werbeleute betonen, ihre Botschaften müssten emotionaler sein, um beim Kunden anzukommen.
Ganz besonders grassieren die Begriffe »Herz« und »Herzlichkeit« in den religiösen, spirituellen und esoterischen Szenen, manchmal begleitet von einer Diffamierung des Verstandes, aber nicht immer. Wer sich speziell nach solch »Herzlichem« umsieht, dem begegnet es bald auf Schritt und Tritt, so wie Schwangere überall Schwangere sehen und Mütter mit kleinen Kindern.
Eintopf
Was darunter verstanden wird, kommt mir allerdings vor wie ein riesengroßer Eintopf, in dem alles schwimmt, was sonst in keiner Suppe unterzubringen ist. Dort gibt es Intellektfeinde und Gefühlsduselnde ebenso wie die Mitte Suchende – und sie Findende. Man kann in diesem Wort sehr leicht Unklares, irgendwie gut Gemeintes Verstecken, aber .... »Es gibt nichts Schlechtes, es gibt nur Gutes und gut Gemeintes«, dieser Spruch fällt mir dazu wieder ein, denn auch die so genannten Schlechten und Bösen meinen es ja gut, zumindest für sich selbst und die von ihnen gewählten Ziele.
Seit mehr als fünfzehn Jahren beschäftigt mich der Herz-Begriff sehr. Habe damals darüber in connection einen mehrseitigen Artikel veröffentlicht. Habe jahrelang sogar mit einem Herzchen (so einer Art Kringel) meine handschriftlichen Briefe und verlagsinternen Memos unterzeichnet, als Bekenntnis zur Herzorientierung. Dennoch bleiben meine Zweifel, vor allem wegen dieser grassierenden Verwendung des Begriffs.
Nach wie vor meine ich, dass die einzig sinnvolle Verwendung des Herzbegriffs – wenn man denn bei einer positiven Verwendung bleiben will – »die Mitte« ist. Das Herz ist die Mitte, und wenn man herzlich ist, handelt man aus der Mitte heraus. Man kann also als Malaie oder Indonesier von »hati« sprechen (damit ist dort die Leber gemeint, aber auch der Sitz der Gefühle) oder als Anhänger des japanischen Zen vom »hara« oder als Europäer vom Herz und meint jedes Mal die Mitte. Ja wovon denn? Die Mitte von dem, was die Aufmerksamkeit gerade erfasst, von allem Wahrgenommenem. Für den, der alles wahrnimmt: von allem.
Mäßigkeit, Integration und Integrität
Dann heißt diese Art herzlich zu sein fast dasselbe wie die transkulturelle Tugend oder Weisheit des Maßhaltens. Zwischen groß und klein, viel und wenig die Mitte. Nicht zu viel sagen, aber auch nicht zu wenig. Sich nicht klein machen, aber auch nicht zu groß. Nicht zu schnell voran gehen, aber auch nicht zu langsam.
Außerdem ist diese Tugend dann auch sehr nahe an der Integration. Das eine wie das andere im Blick behalten. Nichts ausgrenzen, nichts verdrängen, denn alles gehört dazu: es annehmen, es integrieren. Und der Integrierte (nach C.G. Jung der Individuierte) ist dann integer – so erhält dann auch die moralische Qualität der Integrität eine Bedeutung. Integer sein heiß, alle die eigenen Teile beisammen haben, wozu man sie erstmal kennen muss, und dann: keinen davon vor den anderen Menschen verstecken. Auch das mag mit dem Begriff Herz umschrieben sein.
Das Herz (be)achtet alles
Wie gut das klingt! Mit dem Begriff »Herz« nicht mehr im Sumpf der Kitschfalle versinken, sondern draußen sein, fast schon transzendent. Jedenfalls holografisch: Es gibt keine Peripherie, jeder Punkt ist die Mitte! Und ganzheitlich: Alles gehört dazu, alles wird beachtet!
Dann ist das Herz ein optimaler spiritueller Begriff. Nein, sogar noch besser als das, denn »spirituell« steht immer noch in Opposition zu »materiell« und ist insofern nicht mäßig/moderat aus der Mitte heraus agierend, sondern parteiisch oder partiell.
Dralle Herzlichkeit
Aber das ist eine Utopie. Im tatsächlichen Sprachgebrauch ist »Herz« ein Verführer zu Unklarheit und ein Kitschstaubsauger: Alle Arten von Sentimentalität und spirtueller – ja: Halbherzigkeit – wird damit aufgesogen und weitertransportiert. Herzliche Grüße sind eben meist keine Grüße aus der Mitte, sondern haben diesen leichten Drall ins Sentimentale, allzu Weiche und passen insofern gut in die Weihnachtszeit, die jetzt beginnt, in der – kitsch as kitsch can – so gerne geistlos und seicht eingelullt wird. Liese rieselt der Schnee. Das Fest der Liebe, die Prinzessin der Herzen, das Jesuskindlein in der Krippe – Kaufrausch, Kitsch, Kommerz und inmitten der Scheinheiligkeit die Familiendramen, das alles passt doch so herzlich gut zusammen. Ein dralle Zeit der Herzlichkeit steht uns bevor.
Vom Kitschstaubsauer zu
einem Begriff der Mitte
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